Ich übe, also bin ich! – Jahresmotto statt guter Vorsätze

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Silvester. Wie geht mensch damit um? Grob lassen sich zwei Typen unterscheiden: Typ 1 misst der Jahreswende immer noch Bedeutung bei und formuliert – trotz leichter Bedenken und wider bessere Erfahrungswissen – doch noch vorsichtig ein paar gute Vorsätze fürs neue Jahr. Typ 2 gibt lautstark von sich, dass das alles Quatsch mit Soße sei und er/sie sich überhaupt nicht um gute Vorsätze und Co. (mehr) schert und läutet das neue Jahr – innerlich – entsprechend sang- und klanglos ein. Finden Sie sich irgendwo wieder?

Ich zähle zu Typ 1, allerdings mit veränderten Vorzeichen: Mit den guten Vorsätzen habe ich es seit Jahren auch nicht mehr. Stattdessen halte ich

  • a) Rückschau: Was ist mir am meisten, am schecklichsten, am schönsten in Erinnerung geblieben? Was soll kei-nes-falls im nächsten Jahr so bleiben?, und – noch viel wichtiger für mich –
  • b) formuliere ich alle Neujahre wieder ein Jahresmotto für mich.

Die letzten lauteten so:

  • „Ich reise heiter und mit leichtem Gepäck.“ (kilomäßig und auch sonst)
  • „Ich übe, also bin ich.“
  • „Meden agan. – Nichts zu sehr!“ (Was zum Lebensmotto wurde)
  • „Leichtfüßig und elegant springe ich auf neue Lebensbühnen.“ (Das ist etwas geschummelt. Es war mein Motto für ’nach-meinem-60sten-Geburtstag‘)

Mottos haben enorme Macht und Kraft. Sie verdichten Erwartungen, Haltungen, Motive, Motivationen und sprechen sowohl Gefühle wie den Verstand an. Sie sind LEIT-Sätze, auf die mensch zügig, einfach, schnell zurückgreifen kann und die einen ohne langes Hinundhergedenke wieder auf Richtung bringen.

Noch schwanke ich, was mein Motto für 2015 werden soll,

schwanke, ob ich das „Ich übe, also bin ich!“ nochmal nehmen will. Für mich hatte es die Bedeutung, mir zu erlauben, nicht überall perfekt sein zu müssen und zu wollen. Wie, um nur ein Beispiel zu nennen, soll ich gekonnt bzw. perfekt älter werden? Hier, in dieser Gegend jenseits von 60, war ich noch nie! Auch meisterlich werden hat hier seine Grenze, denn meisterlich wird man oder frau nur durch Üben. Ich bin aber Neuling, Lehrling, wenn es ums Älterwerden geht. Also: Weg mit dem Anspruch, ich müsste diese neue Phase wie ein, haha, alter Hase doch mühelos bewältigen. Ich muss gar nichts! Ich erlaube mir, hier durch diese Lebensphase – notfalls – einfach durchzueiern. Notfalls. Gerne bemühe ich mich, übe ich mich in der Kunst, auch das Älterwerden heiter-gelassen zu bewältigen. Wenn’s gelingt: gut. Wenn’s nicht so gut gelingt: Auch gut. Der Versuch allein, es gut hinzukriegen, hat Wert an sich.

Das andere angedachte Motto für 2015 lautet: „Ich staune.“ Da staunen Sie, was? Ein Motto muss für MICH Bedeutung haben, für niemand anderen. Und das hat auch dieses. Nämlich die, dass ich mich weniger aufregen will über Kleinigkeiten und Dinge, die ich eh nicht ändern kann, und dass ich achtsamer, behutsamer, dankbarer wahrnehmen und umgehen will, mit dem, was da ist. Und noch ein paar mehr Bedeutungen, die nur mich angehen. Vielleicht wird das Jahresmotto auch ein Mix aus beiden: „Ich übe mich im Staunen!“

Leitsätze leiten leichter durch kommende Zeiten. Mich zumindest. Vielleicht haben Sie ja Lust bekommen, statt guter Vorsätze sich ein Jahresmotto zuzulegen? Vielleicht spinnen Sie ein gemeinsames beim Silvesterfondue mit Ihren Freunden? Ein Jahresfreundschaftsmotto. Und wenn Sie eins gefunden haben, dann teilen Sie es hier doch gerne hier mit uns.

Wie auch immer: Kommen Sie gut ins neue Jahr. Ich würde mich freuen, wenn wir uns hier wiedersehen.