Nach Burnout und Reha: 2 Gedichte und 3 Todesfälle

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Wie tritt man, besser frau nach fast einem Jahr Rückzug – wegen Angstattacken, Burnout, dem Gefühl, nicht mehr in diese Welt zu passen – wieder in Kontakt mit der Außenwelt, mit FreundenInnen und mit Ihnen, liebe KundenInnen und LeserInnen?  Ich tue es mit meiner Abschlussrede, die ich Pfingstdienstag im Plenum in Heiligenfeld gehalten habe. Dort war ich 6 Wochen zur Reha in der Rosengarten Klinik. Als Grundlage für die Rede, habe ich mir drei Fragen gestellt: Wie kam ich? Wie ging’s dazwischen? Wie gehe ich? Anfangen möchte ich mit einem Gedicht von mir, dass ich im Oktober 2016 geschrieben habe:

Sein und Werden

Stillstand…
Schaue dem Nebel zu,
wie er rumsteht.
Spinnweben: Kunstwerke
in der Buchbaumhecke.
Letzte Blätter am Kirschbaum.
Das leise Rauschen der Heizung.
Das laute Grundrauschen
der Angst, der Angst, der Angst…
Einfach SEIN.
Furchtlos weitergehen, vor-sichtig,
mit Wissen und Weisheit (und Zuversicht) im Gepäck.

SEIN ohne Angst.
WERDEN mit Zuversicht.
Das wär’s!

So kam ich Ende April 2017 in Heiligenfeld an. Die Angst hatte mich im Wort- und übertragenen Sinn in die Knie gezwungen, in die Panik und Totalerschöpfung getrieben. Aber ich kam auch mit einer Hoffnung, dieser unbedingten Sehnsucht nach Heil-werden, Ganz-werden, wieder ‚in die Welt passen‘.

Dass der Prozess des Heilwerdens auch hier in Heiligenfeld nicht schmerzfrei vonstattengeht, ist allen klar, berührt er doch die Grundthemen unserer Existenz, unseres Selbstwertes, unserer Ängste, unseren Umgang mit Wut, Scham, Scheitern. Scham war ein großes Thema von mir, denn schämen tat ich mich mittlerweile für nahezu alles: für die dünnen Haare, für das Gefühl der Erfolglosigkeit, für meine Selbstzweifel, und ganz besonders dafür, dass ich krank war und ich mir – trotz all meines Wissens –  nicht selbst helfen konnte. Schließlich: Ich schämte mich, dass ich mich schämte. Ein Gedicht aus diesen Wandlungszeiten.

Häutungen oder In-between

Fühle mich gehäutet, roh,
als hätte mir jemand
meine (ach so stolze) Wissenshaut abgezogen.

Neu wage ich vor euch zu stehen:
schamlos nackt und verletzlich.

Möge mir eine neue Haut wachsen,
schöner, rauer, weicher.

Auch wenn meine Haut noch im Werden ist, sie fühlt sich schon jetzt weicher, wärmer, aber auch widerständiger an. Bin nicht nur Friedliebende, ich habe die Rebellin in mir wieder-entdeckt. Habe Atmen gelernt. Habe Achtsamkeit geübt, geübt, geübt und werde das weiterhin tun wollen. Hab Weinen lernen müssen, um zu gesunden.

Wie gehe ich? HIER, so meine Idee, werde ich mit einem grandiosen Abgang den IST-Zustand mit viel Gefühl und Tränen verdichten, und zwar mit einem abgewandelten Spruch Hilde Domins: „Ich halte den Fuß in die Luft – und sie trägt!“

Doch es kam anders. Dies war/ist noch nicht der Schlussakkord. Denn kaum hatte ich den Satz um 6.00 frühmorgens niedergeschrieben, sackten mir die Beine weg. Entsetzen! Enttäuschung! Alte Ängste rollten heran. Immerzu stellte ich mir die Frage: Welche Lektion, Maria, hast du noch nicht kapiert?

Hier mein Fazit: Es geht nicht um absolute Zuversicht. Es geht nicht um absolute Sicherheit. ABER, es gibt Hilfe; es gibt Trost; es gibt Geborgenheit in Verbundenheit! All das habe ich hier gefunden und erfahren. Und: Es gibt und gilt kein IMMER! Und so verabschiede ich mich endgültig von drei Glaubenssätzen, die mich immer wieder bis an die Grenzen der Erschöpfung, der Depression, der Daseinsfreude gebracht haben:

  • „Du musst funktionieren!“ – Einen Scheiß muss ich!
  • „Du musst alles alleine schaffen!“ – Einen Scheiß muss ich!
  • „Du sollst nicht weinen/nicht fühlen!“ – Oh doch! Ich darf, ich will, ich kann es immer besser!

Danke, Heiligenfeld. Und allen darin!