Kolumne: Melancholie oder Ewig dröhnen die Laubbläser

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Lebenskunst-Facetten: Melancholie oder Ewig dröhnen die Laubbläser – 7. Artikel fürs Stadtmagazin Spenger Echo

Wie fanden Sie diesen Sommer? Trotz kleiner Widrigkeiten wie Dauerwiederholungen im Fernsehen, verbrannten Balkonpflanzen, feindlicher Kuchenübernahme durch Wespenvölker fand ich diesen Sommer schön. Ich erinnere andere, in denen ich Seit an Seite mit halb Deutschland ob Dauerbewölk­­­­ung in Halbdepression verfiel.

Zugvögel Hi-Fi / photocase.de

Zugvögel Hi-Fi / photocase.de

Ach ja, nun ist auch er dahin. Der Himmel leerer und leiser: Mauersegler und Schwalben, fort sind se. Schon streben Gänsefamilien in perfekter Einserformation nach Südsüdwest. Spinnwebfäden erinnern mich wehmütig an meinen ganz persönlichen Altweibersommer: 61 ist nicht mehr Hochsommerlebenszeit. Melancholie überfällt mich.

Melancholie ist für mich nichts Schlimmes. Wehmut ist ein intensives Gefühl. Genau danach sehnen sich doch viele: nach Intensität, nach etwas, das ihre Alltagsroutine durchbricht. Melancholie gehört zur Lebensfülle dazu. Wer sich NUR an schönen, hellen Dingen erfreuen kann, der lebt nicht erfüllt, der lebt halb. Das ist, als würde jemand nur Dur-Ton-Musik hören wollen, ohne zu ahnen, welch intensive Klangfülle entsteht, wenn Moll-Töne dazu kommen.

Die Kunst besteht darin, diesen Gefühlszustand auszukosten wissen, ohne in die dunkle Schwester Schwermut oder Depression zu versinken. Der Rat meiner Oma lautete dann: „Dau wat!“, Tu was!, Wobei „Dau wat“ alles meinen konnte: nach draußen gehen, Hausaufgaben machen, beste Freundin treffen. Okay, dachte ich, warum nicht mal wieder Omas Rat befolgen. Geh raus, gönn dir erst mal ein Stück Kuchen. Gedacht, getan. Ich setzte mich einen Außentisch im Oetkerpark-Café, allein, die Melancholie wollte nicht weichen – bis ein ohrenbetäubender Krach die Stille durchbrach: Ein orange-gewandeter Laubbläser pustete gefühlte 10 bis 30 Blättchen zu immer neuen Häufchen. Ich versuchte es mit Ignorieren. Aber Sie kennen das ja, hat mensch den tropfenden Wasserhahn erst mal wahrgenommen, gibt es kein Hör-Entrinnen.

Ich merkte, wie die Wut sich langsam vom Kopf in den Bauch schob! Ich bekenne es hiermit öffentlich: Ich HAS-SE Laubbläser. Aus tiefstem Herzen! Sie wecken Aggressionsseiten in mir, die ich lieber gar nicht kennen würde. Mein Bedürfnis, sie den Laubbläsern aus der Hand zu reißen und so lange draufrumzuschlagen – auf dem Gerät natürlich – bis Ruhe herrscht, ist kaum zu bändigen. Rrööööhhhh… Wütend, megagenervt vom Krach – mein Gott, wen stören schon Wespen? – schaufelte ich den Kuchen in mich rein. Von Melancholie keine Spur mehr! Krach hatte Wehmut erfolgreich verdrängt. Kurz streifte mich der Gedanke, hä?, muss ich jetzt dem Krach gar noch dankbar dafür sein? Als die Wut verrauchte, kehrte Wehmut durch die Hintertür zurück: Ach, waren das noch Zeiten, als die Menschen einfach eine Harke zur Hand nahmen – und nicht jedes Single-Blättchen ‚ordnungsgemäß‘ weggepustet werden musste…

Einen krachlosen und klangvollen Spätsommer wünscht Ihnen
Ihr Lebenskunst-Coach MARIA AST 

 

P.S. – Mann berichtete mir, ein Wiener Bürgermeister hätte sich mutig in den Laubbläserwind gestellt und tatsächlich ein VERBOT der Laubbläser erwirkt. Google meint, in anderen – österreichischen – Städten sei das gar auch so. Es besteht also Hoffnung!?!

Kolumne: zuerst erschienen unter Lebenskunst-Facetten im Stadtmagazin Spenger Echo, Ausgabe Sept. 2015 – KV-Verlag Claudia Vogt.  Meinen nächsten Kolumnenbeitrag finden Sie im Lebenskunstblog  am 01.10..2015