In der Selbstentwertungsfalle: Andere aufwerten

print

Eines meiner Altmuster, das mich seit katholisch geprägten Landkindertagen immer mal wieder einholt, ist die Tendenz der Selbst-Entwertung durch Aufwertung eines anderen. Die Ursachen und Mechanismen sind mir hinzulänglich bekannt. Kindheit und Familiensysteme legen ihren prägenden Segen, noch häufiger Fluch über uns.

Fremdaufwertung funktioniert (bei mir) so: Ich sehe, lese oder höre jemanden, der oder die über irgendeine Kompetenz (zugeschrieben oder tatsächlich) verfügt, wofür ich sie oder ihn total bewundere. Im Rückblick immer peinlich bis grotesk, dass ich scheinbar mit 60 immer noch dazu tendiere, denjenigen anzuhimmeln wie ein 16-jähriger Backfisch, eben unter totaler Ausblendung sonstiger Realitäten und Schwächen.

Das KANN für eine Weile sogar eine gute Lebensstütze sein: Ich bewundere jemanden und versuche ihm oder ihr nachzustreben: einem wunderbaren Lehrer, einer mutigen Kämpferin für Gerechtigkeit oder einem ‚spinnerten Weltverbesserer’, dessen ruhige Art des Einsatzes für seine Ideale mir imponiert. Geht natürlich auch mit solchen, die es zu Geld, Ruhm, Ehre, Ansehen, Erfolg gebracht haben. Eine Frage der Werte.

Überhöhende Bewunderung

In meinen Kindertagen wurde uns genug gepredigt, WER zu den Autoritäten zu zählen sei: Der Pastor, der Hausarzt, der Bürgermeister, und, glaubt man’s heute noch? Lehrer, und natürlich der Liebe Gott, den es zu loben, zu preisen und anzubeten galt (und der eh alles sieht, hört, weiß, aufbewahrt. Die NSA und das Internet sind ihm hart auf den Fersen). Jedenfalls, wo war ich stehen geblieben, ich tendiere nicht nur zur Aufwertung, sondern zur Überaufwertung, zur Erhöhung, sobald eine – vermeintliche – Autorität für… die Bühne betritt.

In solchen Zeiten blende ich total aus, dass mein Bewunderter auch Mensch ist, mit menschlichen Schwächen, sein Teilwissen, auch nur Teilwissen und kein Absolutwissen ist. Gleichzeitig fange ich an, mich zu vergleichen. Ich fühle mich immer mickriger und nichtssagender, unbedeutend. Das hält mensch nicht lange aus. Was macht man/frau?

Das geht in zwei Stufen : Identifikation mit dem „Aggressor“ nennt man das in der Psychologie. Ich identifiziere mich total mit dem ach so bewunderten Vorbild, Ideal, Könner, Meister,versuche u.U. seine Aufmerksamkeit zu gewinnen, um mein dünnes Selbstbewusstsein aufzuplustern , den mickrigen Selbstwert zu stabilisieren, an Bedeutung zu gewinnen durch vermeintliche Teilhabe an der Bedeutung, dem Status, Ruhm, Ehre des anderen.

Nach der Totalaufwertung ist vor der Totalabwertung

Das kann nicht lange gut gehen. Die Tendenz ist bekannt: Je höher wir jemanden aufgewertet haben – siehe Verliebtheit oder Obama – umso tiefer der Fall in die Realität. Und in die Abwertungsspirale.

Heißt im Klartext:

  • Auf Aufwertung folgt Abwertung.
  • Auf Überaufwertung  folgt fast zwangsläufig die Entwertung.

Das Innensystem versucht sich selbst zu stabilisieren, wenn auch auf fragwürdige Art.  Sich dieses bewusst zu machen, ist ein Weg, sich aus dieser Schaukelbewegung zu lösen.

Dann kann es immer noch eine Weile dauern, bis sich eine halbwegs realistische oder pragmatische oder gnädige Einsicht Bahn bricht: Du kannst was. Der andere kann was. Du hast Fehler und Macken, der andere hat Fehler und Macken. Du bist liebenswert, der andere ist liebenswert. Ich darf dich kritisch sehen, du darfst mich kritisch sehen. Wir sind Menschen.

Für dieses Mal habe ich es wieder geschafft: Bei mir anzukommen. Den anderen da zu lassen, wo er ist. Respekt für seine Leistung zu zollen, meine dabei nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Jedes Mal wieder Arbeit, diese langen Tentakel der Kindheitsprägungen abzuschlagen. Dass ich sie jemals ganz loswerde? Von dieser Illusion habe ich mich verabschiedet. Es geht darum, immer schneller erkennen zu können, DASS und in welchem Altmuster ich stecke. Umso eher kann ich gegensteuern.  Alles TOTALE (und Totalitäre) zentriert und bündelt Energien im Übermaß.  Ich möchte schon noch selbst entscheiden können, wem ich wann wofür wieviel zukommen lassen will. Das Leben grätscht dann sowieso irgendwann wieder dazwischen.