Heute Morgen machte ich um Punkt 8.00 Uhr meine Balkontür vom Schlafzimmer auf, und hörte Glockengeläut. Was andere nervt, mich beruhigt es bzw, beides: es beruhigt mich UND es beunruhigt mich.
Ich bin katholisches Landkind. Der Artländer Dom war meine Begleiter, in guten, wie in schlechten Zeiten, als Kind und als Jugendliche. Was soll ich sagen? Ich persönlich habe keine negativen Erfahrungen und Gedanken, wenn ich an „Kirche“ denke.
Für mich bot der Jahreszyklus der Kirche und deren Gemeindemitglieder ein festes, starkes Fundament durchs Jahr – genau wie die Jahreszeiten, die ich als Kind/Jugendliche viel intensiver und unmittelbarer erlebt habe, als viele andere. Kirchgang, das hieß lange: entweder mit Oma und Opa zu Fuß! vom Haus durch die Felder zur gut 3 km entfernten Kirche im Dorf zu marschieren. Jeden Sonntag wohlgemerkt. Nach der 2ten Messe – damals gab es 4, in Worten: vier Messen des Sonntagmorgens – kurz bei Café Büther reinzuschauen, Zuckerzwiebäcke oder Rosinenbrot zu kaufen – und wieder ab nach Hause zu marschieren.
Noch ein paar Jährchen später fuhr ich – zusammen mit anderen Kindern – mit dem Rad zur Kindermesse. Die war sogar schon damals anders gestaltet als die Messen für die Erwachsenen. Danach: Treppe runter neben der Kirche, wo im Hinterhof die einzige und ERSTE Softeismaschine im weiiiiiiiiiiten Umkreis stand. Der Eisstand hat sich immer mehr vergrößert, war lange Zeit berühmt im Kreis Bersenbrück und auch heute ist das Cafè SICH noch eine Instituation im Dorf. Das freut mich sehr. Wenn ich denn mal dort bin.
Und freuen tut es mich – mittlerweile 72jährige – weil irgendwas von der guten!! alten Zeit noch existiert. Ja, es gab auch weniger Gutes, das ich erlebt habe. Der Vater gehörte zu der Generation, die ihre Kriegserlebnisse und ihre Stellung oder eben Unter-Stellung unter die Bauern als Heuerleute, gerne runterschluckte. Niemand da, der ihnen therapeutisch oder seelsorgerisch geholfen hätte, mit all ihrem Leid und den Ungerechtigkeiten klar zu kommen. Aber Kirche: Das war eine feste, verlässliche Konstante in meinem Leben. Ich mochte die Osterfeuer morgens im Dunklen, ehe es in den Dom ging. Ich mochte es, wenn die Kirche – nicht nur an Weihnachten – gerappelte voll war und das ganze Kirchenschiff die altebekannten Lieder sang. Und ich mittendrin.
Romantische Erinnerungsverklärung? Nee, finde ich nicht. Es gab viel Gutes und Förderliches fürs Leben, was ich dort gelernt habe: Gemeinschaft zum Beispiel. Verlässlichkeit z.B., Menschen, die einfach, aber mir und einander wohlgesonnen waren; nein, nicht alle, Böse und Gute gibt es überall. Verantwortung übernehmen z.B., für das, was man an Bösem getan und an Gutem unterlassen hatte. Ich weiß, ich weiß. Viele kontern sofort mit IHRER Vorstellung von „Beichte-n“. Mich hat sie u.a. gelehrt, a) zu unterscheiden, DASS es Gut und Böse gibt (wer immer sich da die Deutungshohheit auf die Fahnen schreibt, meine eigene unterschied sich dann irgendwann doch sehr von der der offiziellen Kirche), b) dass ich Verantwortung für mein Tun oder eben Nicht-Tun übernehmen muss, c) dass es nicht mit „bereuen“ getan ist, sondern ich d) gefälligst Wiedergutmachung zu leisten hätte.
Gerade beim letzten Punkt hakt es m.E. allüberall, besonders in der Wirtschaft und Politik. Da macht jemand einen dicken, dicken Fehler oder agiert jenseits jeglicher Moral – und muss oder eher DARF gehen – und das mit einer superdicken Abfindung! Anstatt, verdammt noch mal, die Karre, die er-sie-es in den Sand gesetzt hat, auch wieder rauszuziehen. Und dafür je nach Situation und Umfang dafür geradezustehen. Aber bitteschön doch nicht sich einfach verp….. dürfen!
Ja, bzw. nein, ich kann diese ewig gleiche Kritik an Kirche nicht mehr hören. Ja, sie hat viele Fehler gemacht. Ja, sie hat Leid über Menschen und Länder gebracht. Ja, ja, ja.., aber ich kenne auch viele Menschen, die heimlich und leise und unspektakulär Gutes tun – aus ihrer Art von Glauben heraus. Und das „Gnade vor Recht“ lässt mich noch immer an eine Art von Kirche glauben, die eben nicht – wie KI – nur auf Logik oder Wissenwissen basiert, um zu „Urteilen“ zu kommen.
Gibt es nicht jenseits von Logik, Rationalität, Sentimentalität, Gefühlsduseligkeit, dem, was die Logotherepeuten „Psychophysikum“ nennen, etwas, das uns Menschen die Freiheit gibt, uns zwischen Gut und Böse zu entscheiden – und Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen zu müssen? Ich will daran glauben. Ich will daran glauben, dass wir einen freien Willen haben, dass ein Geist in jedem Menschen waltet – ob wir ihn nun Gott oder Übersinn oder Weltgeist nennen. Ohne das, ohne den WILL ich nicht leben.
Wo war ich? Bei den Kirchenglocken heute Morgen. – Wenn ich meine erwachsenen Söhne und Familien anschaue, dann bedauere ich sie fast, dass sie keine Art von Zufluchtsstätte in allem, was mit Kirche und Glauben zu tun hat, mehr haben (werden). Letzten Sonntag war ich nach Wochen in einer Messe hier vor Ort in Bielefeld. Welch Zufall! Die Kirche, also das Gebäude, wo beide Söhne getauft wurden, wird wohl für immer geschlossen. Ja, da überkommt mich Wehmut. Ja, ich liebe es, die altvertrauten Lieder zu singen, dem – in diesem Fall intelligenten, selbstkritischen – Pastor zuzuhören; mal stimme ich zu, mal rege ich mich auf über das, was er sagt oder ich raushöre. Alles „Dinge“, die die Generationen nach mir nicht mehr als tragfähigen Halt erleben wird.
Schade? Irgendwie schon. In diese emotionale Lücke bzw. spirituelle und damit existenzielle Lücke grätschen gerade viele andere „Gemeinschaften“. Die sind m.E. noch viel unberechenbarer und zerstörerischer unterwegs als Kirche es war oder sein kann, aber vom Grundsatz/der Kernbotschaft her – das ist mein Glaube – nicht ist. Mich berühren Worte. Mich berührten und berühren Worte, wie diese (ais dem Schweizer Hochgebei) immer noch, immer wieder:
„Öffne unsere Augen für jede Not.
Gib uns das rechte Wort, wenn Menschen Trost und Rat suchen.
Hilf uns zur rechten Tat, wo Menschen uns brauchen.
Lass uns denken und handeln nach dem Wort und Beispiel Christi.
Mache diesen Ort zu einem Ort der Wahrheit und der Freiheit,
des Friedens und der Gerechtigkeit,
damit die Menschen neue Hoffnung schöpfen.“
Seltsam, ich wollte gar keinen Artikel ‚Pro Kirche oder Glauben‘ schreiben. Ist es ja auch nicht nur. Ich bewahre mir meinen kritisch-wachen Geist. Hoffe ich jedenfalls.
