Vom (möglichen) Umgang mit Scheitern – Eine Eigenerfahrung

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 „Nur von Verwandelten können Wandlungen ausgehen.“  – Sören Kierkegaard

Enttäuschungen entstehen, wenn Input und erwarteter Output sich nicht entsprechen. Wenn die Dinge nicht so laufen wie erwartet. Oder, schlimmer, wenn wir das Gefühl haben, gescheitert zu sein. Scheitern ist schwer auszuhalten. Wer aber diese Talsohle durchschritten hat und sie bewältigt hat, kommt stärker daraus hervor. Das allerdings nur, wer einen Sinn in seinem Scheitern finden kann.

„Was hat das Scheitern mich gelehrt?“ lautet die Frage, die zu stellen sich m.E. lohnt. Auch wenn wir uns im ersten Moment erbärmlich dabei fühlen. Der Impuls ‚alles’ hinzuwerfen in dieser Phase ist groß. Wie ich es wollte, als ich mit meiner Selbständigkeit als Coach nicht den schnellen Erfolg hatte, den ich mir ausgemalt hatte. Fakt ist, dass es Menschen gibt, die sich wegen ‚sowas’ umbringen. Das zeigt, wie tief Scheitern das Selbst-Verständnis eines Menschen erschüttern und verletzten kann: Es geht an die Identität;  das Selbstbild, der Selbstwert, das ganze Sein steht auf dem Spiel und somit eben gefühlt unsere Existenz und damit ‚alles’.

Auch das gehört zum Leben. Wenn tatsächlich alle Herausforderungen ein für alle Mal überwunden werden könnten, gäbe es sowas wie Herausforderungen nicht mehr. Was für ein Leben wäre das?

Frustration führt zur Erschöpfung.

Der „beste Freund“ des Scheiterns ist nicht fern: die Frustration. Ein zweites Tal, das sich düster und endlos vor einem auftut. Waren Sie schon mal so richtig frustriert? Frust entsteht, wenn wir feststecken. Ich steckte nach 5 Jahren Coach-Seins in einer dicken Sinn- und Selbstkrise fest: War ich zu Beginn meines Coachseins hochbegeistert in den Coachingchor des „positive thinking, des „go for your goals, des „tu was, mach was aus dir und deinem Leben“ eingefallen, stellte ich nach 5 Jahren völlig erschöpft fest, das mich dieser Anspruch selbst völlig erschöpft hatte.

Alles, jedes Ziel, immer alles erreichbar, wenn der Mensch nur (genug) will? Vor Erschöpfung fiel ich in alte Denkmuster: DU bist nicht in Ordnung! Mit DIR stimmt was nicht. Der Neid auf die scheinbar so erfolgreichen, weil allzeit gut-draufseienden Kollegen fütterte wie Manna vom Himmel den Frustberg zusätzlich. Frust frisst Freude, jede Art von Freude, er verwandelt selbst aufkeimende Energieschübe in etwas Negatives, er macht uns zu einer bitteren oder verbitterten Person. Oder einer depressiven. Beides wollte ich nicht sein!

 Scheitern ist eine – neue – Grenzsituation

Es gilt sich zu erinnern: Wer am Punkt des Scheiterns ist, ist – so oder so – an einer Grenze angelangt. Wie bin ich diesem Scheiterinferno entronnen? Mit meinen Coachingwerkzeugen jedenfalls nicht. Das ist das Dilemma vieler, die feststecken: Wir versuchen mühsam und bis zur Erschöpfung mit den vorhandenen (Lebensbewältigungs)Werkzeugen und -strategien neue Situationen zu meistern und neue ICH-Häuser = Identitäten zu bauen.

In meinem Fall hat mich ein Buch innerhalb von 2 Nächten geheilt, befreit, zu mir selbst zurück geführt: Schönes Leben – Eine Einführung in die Lebenskunst des Philosophen Wilhelm Schmid. Warum? Was hatte die Macht, mich derart radikal und in kürzester Zeit zurück zu bringen in meine Mitte und ins Leben?

Es waren tiefgreifende Erkenntnisschübe, die eine Weltsicht-Erdrutsch existenzieller Art auslösten: Das Leben ist kein Ponyhof oder Dauerbelustigungsanlage und keine Dauerwohlfühlparty: Das Leben ist polar. Erst daraus bezieht es seine Spannung. Alles andere ist Dauerunterwegssein in den – auch von mir bisher so hochge- und hochbejubelten – Pol des Erfolgs, Glücks, Potenzial-Ausschöpfung, Selbst-Optimierung etc. etc.

Und noch eine Befreiung tiefreichender und tiefgreifenderArt erfolgte: Meine melancholischen Züge, die so ganz und gar nicht in die und „meine“ bisherige Coachingbotschaft vom „ich mache dich glücklicher und zufriedener“ passen wollten, fand ihre Erklärung, ihre Berechtigung, ihren Platz.

 Eine neues Selbstbild und/oder Weltbild entwerfen

Das alles hat gedauert. In meinem Fall fand die Lösung mich. Die Kunst ist herauszufinden, was DIESES Mal dran ist. Manchmal ist Tun dran, aktiv werden dran. Manchmal ist aktives Warten dran. Aktiv warten können ist eine fürwahr eine Kunst, sie setzt Bewusstheit voraus.

Seit diesem persönlichen Weltsichterdrusch habe ich mich viel mit Philosophie beschäftigt, wie und warum gerade sie Menschen helfen kann, in existenziell bedrohlichen Situationen mit sich und dem Leben schneller wieder klar zu kommen.

Für mich besteht Lebenskunst darin, über Werkzeuge und Wissen zu verfügen, die es mir erlauben, zu differenzieren, die Wahl zu haben, auf unterschiedliche Situationen unterschiedlich regieren zu KÖNNEN.

Für mich besteht Lebenskunst darin, mir eine Haltung von „Ich übe, also bin ich“ erarbeitet und zugelegt zu haben, die mir erlaubt, in neuen Situationen gnädig mit mir umzugehen, denn dass wir in NEUEN Situationen unmöglich wissen können, ob die alten Werkzeuge passen, dass wir, sollten wir neue brauchen, uns davon frei machen, sie gleich gekonnt, gar meisterlich zu benutzen, das befreit enorm. Mich jedenfalls. Sonst geht der Kreislauf von Anspruch, Enttäuschung, Frust, Mutlosigkeit, Erschöpfung von vorne los.

Frust und Enttäuschung sind ein Zeichen, dass wir, dass Sie eine Grenze erreicht haben, dass es etwas Neues zu lernen, zu erkennen und einzuüben gilt. WAS das ist, welche neuen Werkzeuge Ihnen dabei helfen könnten, wenn die alten nicht mehr greifen, das ist Ihre Aufgabe herauszufinden. Mitunter mit Hilfe von Büchern. Mitunter mit Hilfe von FreundInnen. Mitunter eben mit professioneller Begleitung und Unterstützung. Es lohnt sich. Wenn Sie nicht dran zerbrechen, sondern daran reifen und wachsen wollen.