Advent oder Vom Sinn des Wartens

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„Lasst Euch nicht verarschen! Das Leben ist keine Dauerweihnacht!“, möchte ich in die Welt schreien. Sie merken schon, ich bin nicht in Weihnachtstimmung. In mir ist es nicht friedlich und harmonisch und fröhlich. Im Gegenteil, in mir brodelt und wütet es.

Aber noch ist ja nicht Weihnachten. Noch ist Advent. Noch habe ich ein paar Tage Zeit, mich in einen festlichen und friedlichen Zustand zu bringen. Warten wir’s ab. Und genau darum geht’s: Ums Warten. Advent meint zwar Ankunft, ist aber Wartezeit. Advent ist Weg, Advent meint: Schauen auf ein Ziel, aber noch nicht angekommen sein.

Auf die Plätze… fertig! – Wo bleibt das „Los!“?

Anzukommen und das zu bekommen, was wir uns wünschen, lässt uns nicht nur als Kind jubeln, feiern und frohlocken. Ziele geben unserem Leben Richtung und Profil. Sie zu erreichen, tut unserem Selbstwert gut, macht uns glücklich, beschert uns gute Gefühle. Gute Gefühle wollen wir möglichst häufig haben. Drängt sich die Frage auf: Warum nicht die Taktzahl der guten Gefühle erhöhen?

Nichts gegen Methoden, Strategien, Techniken, die uns helfen leichter und motivierter an unsere Ziele zu kommen, aber viel gegen Botschaften und Botschafter, die glauben machen wollen, ein Auf die Plätze.. Fertig! sei mit einer Übung und gutem Willen erreichbar, erstrebens- und wünschenswert. .

Schreien könnte ich immer, wenn ich mich ohnmächtig wähne, und nicht recht weiß, wohin mit meiner Wut. Weil es DIE Adressaten gibt, weil ich ahne, dass es die „Richtigen“ eh nie erreichen wird. Dann lasse ich sie mal hier raus, vielleicht wird ja jemand mit wütend, vielleicht empört sich jemand mit, vielleicht verschafft sie irgendwem Erleichterung durch Erkenntnis!

Wütend bin ich auf die Art von Erlöser, Heilsbringer, (Medien)Botschaften, die uns glauben machen wollen, Lebensglück sei dadurch zu erreichen,

  1. den Weg als lästiges Warten einfach unter den Tisch fallen zu lassen und
  2. stattdessen einfach die Taktzahl der guten Ah-ich-habe-mein-Ziel-erreicht-Gefühle zu erhöhen, und
  3. diese so nahtlos aneinanderzureichen, bis
  4. sie sich zu eine Art Dauerlebensweihnacht voll anhaltender Glanz und Glorie, Frieden und Harmonie verdichten.

Ich könnte noch mal schreien: Wer’s glaubt wird nicht selig. Im Gegenteil. Ihm fehlt nämlich etwas.

Auf die Plätze… fertig! Glück! – Ist Dauerzieleglück möglich oder wünschenswert?

„Der ans Ziel getragen wurde, darf nicht glauben, es erreicht zu haben.“ , meinte
Marie von Ebner-Eschenbach. Ich übersetze mal frei, was ich darunter verstehe: Derjenige, der glaube, sich den Weg, das Hadern, das Vorwärtskämpfen, das Warten, das Irren, das Ausprobieren, das Umkehren können oder müssen nicht erfahren hat, wird innerlich sicher nicht reifer und erfahrener. Ohne Erfahrung aber kein Lernen, ohne Lernen kein Verlass auf unsere Intuition, denn die rekrutiert sich aus gemachten und integrierten Erfahrungen und sonst gar nichts. (Man könnte natürlich hinzufügen: dann müssen Menschen eben DIESE Erfahrung machen, um Einsicht zu gewinnen…)

Schon der Glücksforscher Ccsikszentmihalyi stellte fest, dass Glück dann am intensivsten empfunden wird, wenn es mit Anstrengung verbunden war. Die sollte allerdings das rechte Maß haben: nicht ZU herausfordernd sein, aber auch nicht ZU klein.

Die Zeitungen und das Fernsehen sind dennoch voll von Menschen, Stars, Sternchen, die über Nacht durch einen Film, durch eine spektakuläre Aktion, durch überraschenden Geldgewinn oder aufgrund ein falsches Häkchens bei Facebook zu Ruhm, Ehre, öffentlicher Aufmerksamkeit und Feiern mit vielen „Freunden“ gekommen sind. Und, sind sie glücklich geworden? Einige vielleicht. Viele hat dieser Spontanerfolg aber eher überrollt. Er traf sie viel zu schnell, sie waren schlichtweg überfordert. Da enden eben nicht wenige in der Depression oder greifen zu Drogen. Tragisch, finde ich jedenfalls.

Ist nicht sowieso der Weg das Ziel?

„Du bist schon angekommen.. Der Weg ist das Ziel!.“ meinen die Buddhisten.

Wer immer diesen Weg der Lebensbewältigung oder Erleuchtung beschreiten mag, mag ihn von mir aus beschreiten. Ich habe mich darin mehr als einmal versucht, allerdings erfolglos. Mir kann es vor, als hätte ich nur eine Religion gegen eine andere , nämlich bisherige, von der ich mich innerlich verabschiedet hatte – die christliche – ausgetauscht. Versprach christliche Religion, andauernde Seligkeit, ewigen Frieden, wahre Freude erst im Himmel – also aufs Warten setzte – versprach die andere, andauernde Seligkeit, ewigen Frieden schon im Hier und Jetzt – ganz ohne Warten.

Gibt’s ein „Sowohl als auch“?

Mir war und ist beides suspekt: Die Ziele-Propheten und die Weg-Propheten. Gerettet hat mich die Philosophie und deren Grundhaltung. Die negiert die Widersprüchlichkeit alles Seienden nicht. Die blendet nicht einen Pol komplett aus. Die hält es seit Aristoteles mit der Kunst der Balance, dem Finden des rechten Maßes. Für mich macht es Sinn herauszufinden: Wie komme ich zwischen den Polen klar? Wie kann ich da eine gute Balance für mich erreichen?

Balance und das rechte Maß zu finden, ist Teil der reflektierten Lebenskunst.

Machen Sie sich klar, dass Dauerharmonie, Dauergeschenke, Dauerzielerreichung, Dauer-Hoch-Zeiten, NICHT das Dauerglück bringen werden. Immer nur Weihnachten? Immer nur Harmonie? Im Gegenteil. Erst die Gegenpole bringen Fülle, erzeugen Spannung und Lebendigkeit!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erfüllte und lebendige Advents- und Weihnachtszeit!

Eine kleine Zitate-/Aphorismussammlung zum Thema Weg – Ziel finden Sie unter Lebenskunst lesen – Zitate