Selbst-Verleugnung oder Warum mein Blog verwaiste

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Es mangelte/mangelt mir tatsächlich NULL an Themen, Gedanken, Ideen zum Thema Selbstwerdung und Lebensbewältigung. Warum verwaist mein Blog dann? Warum schreibe ich im Verborgenen Seite um Seiten, gebe meine Gedanken nicht mehr ans Licht der Öffentlichkeit? Wer oder was hindert mich daran? Meine Erkenntnisse. Mein Fazit. Die Konsequenz daraus.

Mehrwissen macht nicht immer glücklich. Im Gegenteil.

Mehr wissen oder Mehrwissen, macht nicht immer glücklicher. Es kann auch lähmen. Diese Erfahrung machte ich mit Marketing-Wissen. Mit jedem Marketingbuch, mit jedem Marketingkurs, mit jedem Zuwachs an Wissen, wie Selbst-Marketing „funktioniert“ – oder eben manipuliert, sank meine Motivation, Blogartikel zu schreiben, Angebote zu formulieren, mein Fachbuch endlich zu schreiben. Es hat mich zunehmend verunsichert und ausgebremst.

Wie ein großes kontrollierendes und verinnerlichtes Freudsches Über-ICH hing das Marketingauge streng und strafend blickend über jedem Artikel, den ich an die Kundschaft und Leserschaft zu schicken gedachte:

  • Na, hast du auch brav kundennutzen-orientiert formuliert?
  • Na, hast du auch emotional genug formuliert?
  • Hast Die immerfort so formuliert, dass sie dich, dich, dich, Maria, jederzeit, schlafend oder wachend, mit Marke X – in meinem Fall Lebenskunst – verbinden?
  • Hast Du genug eye-body-and-soul-catching Bildchen eingefügt, die den Kunden in deinen Artikel „hineinsaugen“?
  • Und vor allen Dingen, Madame! Du wirst es doch wohl nicht gewagt haben, deinen LeserInnen Kritisches, Nachdenkliches, Tiefgründiges zu präsentieren, das ihr Wohlfühlgefühl beim Lesen stören könnte?!!

Die Er-lösung kam in zwei Schritten:

Auf dem Wissenschaftsforum der Neurobiologen in Bonn fiel es mir dann kürzlich wie Schuppen von dern Augen: U.a. hielt Dr. Hans-Georg Häusel, führenderer Experte in der Marketing-Hinrnforschung und Autor des Buches „Brain View – Warum Kunden kaufen“, einen Vortrag mit dem Titel“ Wie Kaufentscheidungen im Gehirn wirklich fallen“. Mir grauste es: Welch tiefgreifend manipulative „Rolle“ Marketing bei unseren Entscheidungen hat – und haben will!

Bleib deinen Werten treu!

Dieser ebenso informative wie selbst-ironische Vortrag war das eine Tröpfchen, was mein Marketing-Aversionsfass zum Überlaufen brachte. Dieser bewusst eingesetzte, manipulative Charakter steht im krassen Gegensatz zu meinen Grundwerten im Umgang mit Menschen. Wahl-Freiheit, mir wurscht, ob sie ‚wahr‘ = 1000%ig zu beweisen ist oder nicht, ist immer noch eins meiner höchsten Güter, die ich für mich und andere zu erwerben und zu bewahren suche. WIE, bittschön, soll ich die mit bewusst subtil kundenfängerischen Methoden vereinbaren? Meine Antwort: Gar nicht! Schluss mit lustigem und bewusstem Manipulieren. Ich habe fertig mit Marketingsprache!

Bleib dir selbst treu!

Und noch eine tiefe Erkenntnis, zu der mir kürzlich der Philosoph Wilhelm Schmid verholfen hat: „Sie sind ein Widerspruchsgeist!“, meinte er. (Ich widersprach natürlich sofort aufs Heftigste: Wir seien Viele und das wüssten wir nicht erst seit Herrn Precht….)

Auch hier fiel es wie mir wie Schuppen von den Augen: Widerspruchsgeist, das IST ein Wesenskern meiner Persönlichkeit. Einer, den ich lange, lange, viel zu lange unterdrückt habe, um nicht allein im Gegenwind einer Positive-Thinking-„Kultur“ zu stehen und anzuecken. Runterdrücken von wichtigen Identitätsanteilen – in Engslich: to depress – führt aber, so meine Überzeugung, irgendwann in die Depression.

Fazit und Folgen:

“ This above all, to thyne own self, be true!- Dies vor allem, sei dir selbst gegenüber ehrlich.!“
Shakespeare, Hamlet

Ich kenne die Marketingregeln. Ich werde sie brechen. Ich bleibe meinen Werten treu. Ich bleibe meinem Widerspruchsgeist treu – und schreibe, was und wo ich will und wie mir der Schnabel und die Eigenwerte gewachsen sind. Bleiben Sie mir treu. Das würde mich freuen!