Monatelang hing ich und haderte ich mit der Frage: WER BIN ICH?, wenn ich kein Coach mehr bin? Was sollte ich darauf antworten? Rentnerin? Werde ich zukünftig nur noch unter „Rentnerin“ eingestuft? Wohin mit meinen ganzen Erfahrunge, Wissen, Denklust, Formulierlust…? Ich heulte, tobte, weinte, tobte (auch in meinem Diary) rum. Tja, ein IDENTITÄTS-Wechsel ist weder mit 17 noch mit 70 mal eben so nebenbei zu ‚machen‘.

Eigenes Wissen, Werkzeuge und natürlich schreibend Reflektieren halfen, ja. Ja, aber… Mir Ungeduldigen dauerte das Gehadere alles viel zu lange. Mein Kopf wusste natürlich, was meine Oma meinte: Du kannst nicht am Gras zupfen, damit es schneller wächst. Ach, ja, seufz… “ You can’t push a river.“ Well…

Außer wütend wurde ich eigentlich immer trauriger. Die Frage nagte: Zu wem GEHÖRE ich denn noch, wenn nicht mehr zur Coaching- und im weitersten Sinne Ratgeber-Szene? Ich erreichte den Zustand, den ich schon häufig in meinem Leben hatte – den kurz vor der Schwermut. Gott sei Dank weiß ich längst auch um den Unterschied zur Melancholie! – Und dann habe ich wie blöd noch mal alles zu „MELANCHOLIE“ gegoogelt und dann fand mich das Buch

„BITTERSüSS“ – Wie Sehnsucht und Melancholie uns Halt und Kraft geben“ von Susan Cain. Vieles davon war mir ja bekannt – siehe z.B. Wilhelm Schmids „Unglücklich sein – Eine Ermutigung“ – letztlich erlöst und gerettet hat mich allerdings ihr zweites Buch:

„Still – Die Kraft der Introvertierten“ – Susan Cain – Darin bricht sie eine Lanze für die Introvertierten, Nachdenklichen, Stillen, melacholischen Menschen, zeigt viele Beispiele in Gesellschaft und Wirtschaft und Politik, wo genau DIESE Fähigkeiten der Stillen und Leisen und ja, Melancholischen, unbedingt gebraucht sind. Ist jetzt schon ein paar Wochen her, dass ich die Bücher gelesen habe, aber sie haben mir die Augen geöffnet für die Erkenntnis:

Ich bin eine Melancholikerin!

Und plötzlich wurde ich ganz ruhig. Auf einmal machte vieles, vieles in meinem Leben SINN. Es fühlte sich so an, als sei ich Jahrzehnte über die Welt- und Lebensmeere geirrt, hätte viele Häfen angefahren, aber – ob Kirche, Coaching, Philosopie – der Heimathafen war nie dabei gewesen.  Ich weiß nicht mehr, wann ich mich zum letzten Mal dermaßen beheimatet und zuhause gefühlt habe?
Es war wie Ankommen. Endlich! Und end-gültig. Ich habe meine Websitetexte geändert. Auf einmal ging das ratzfatz. Auf einmal machte selbst mein ewiges Predigen von BALANCE Sinn. Ich weiß, was hilft. Das Werte- und Entwickungsquadrat Schulz‘ von Thuns zeigt es wieder mal, welche Schwesterntugend notwendig ist, um nicht in das Extrem der Schwertmut und Depression zu versinken:

Merke:
Melancholie braucht Leicht-Sinn/Freudiges/Humor als Gegengewicht.

Und in dieser MOLL-Stimmung ist NICHT John Dowland und Sting und „Come again“ hören dran, sondern DUR-Musik, solche, die belebt, mich in Bewegung bringt, die Lebensgeister wieder weckt! Dann wird nach Angelo Branduardis „La Pulce d’Acqua“ getanzt. 🙂

Ich würde mir wünschen – siehe STILL Buch von Susan Cain – dass sich in  Wirtschaft und Gesellschaft und auch in der Politik der WERT, das WERTVOLLE, das die Stilleren, Leiseren, Bedächtigeren, Besonneneren im Lande zum Wohl aller beitragen, „rumspricht“. Ich jedenfalls werde auch weiterhin meinen Beitrag dazu leisten wollen!