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Wem gehört Wissen? oder Wie ich im Internet schweigen lernte

erstellt am: 18. Februar 2011 / von: Maria Ast / Kategorie(n): Allgemein

„Wr sind gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können – freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns zu Hilfe kommt und uns emporhebt.“

Bernhard von Chartres

Nun hat das Thema, was mich seit Jahren auf die Palme bringt, endlich – Karl-Theodor zu Guttenberg sei Dank! – die Öffentlichkeit erreicht. Endlich! Endlich, jubelt es in mir. Endlich macht die Nation sich Gedanken darüber:

Wem gehört Wissen? Wie gehen wir, wie gehen Sie damit um, dem eigenem wie dem fremden?

Ja, wie gehen Sie denn damit um? Was glauben Sie:  Wem gehört IHR Wissen, das, was Sie sich mühsam oder lustvoll angelesen, erworben, erarbeitet haben?

Wem gehören Ihre neuen fulminanten Ideen, Ihre neuesten technischen Entwicklungen, Ihre neueste  Pralinenkreation, Ihre geniale Angebotsformulierung, Ihre weiterbringenden Lösungsvorschlage im Team, Ihre Zeitungs- oder Blogartikel?

Darf jedermann  – Google, die Karl-Theodors dieser Welt, Mitbewerber – sie einfach ungefragt weiterverwurschteln oder 1:1 kopieren – ohne Sie zu  fragen oder zu zitieren?

Darf jedermann sie nehmen und sich dadurch bereichern, während Sie in die Röhre schauen, weil andere mehr Macht, Geld, Ressourcen, Zeit, Engergie, Menpower haben und  eben im (Sich)Vermarkten schneller sind als Sie?

Mir reicht da ein (Rück) Blick in meine eigene Selbständigkeit völlig, um aus dem Stand in eine meiner berühmt, berüchtigten Wut- und Schreiattacken ausbrechen zu können ( 6 davon liegen in meiner Schublade, weil sie mir für die Öffentlichkeit nur begrenzt geeignet erschienen…)

Dabei ist die Wut nur das Ende von diversen Phasen, die ich seit dem Start in die  Selbständigkeit als Coach durchlaufen habe – und sie ähneln schwer den Phasen, die Kinder durchlaufen, bis sie erwachsen sind. Vielleicht haben Sie mit Ihren Ideen, Innovationen, Kreationen ja Ähnliches erlebt?

Phase 1:                      Begeisterung, naive Ahnungslosigkeit

Phase 2:                      Fassungsloses Staunen,  ob der – auch –  ‚bösen, bösen‘ Welt

Phase 3, 4, 5, 6:          Ein Gemisch aus Wut, Ohnmacht, Resignation, Lähmung, Wut, Ohnmacht…

Phase 7 oder so:         Die Jetzt – oder Ich hab’s kapiert-Phase

Aber alles der Reihe nach:

Phase 1 der Selbständigkeit: (bildlich gesprochen: die unbeschwerte Kleinkindphase, so bis ca. 3, wo kind quietschvergnügt in die Welt stapft und glaubt, alle meinen es gut mit mir.. )

Als ich mich vor ca. 5  Jahren als Coach selbständig machte,  hatte ich viel neues Wissen zum bereits vorhandenen gestapelt und tolle Ideen, wie ich die Welt und die Beladenen,  Ratsuchenden,  die Traumverwirklicher, die  Nicht-in-die-Pötte-kommer, Blockierten, Demotivierten  vor ihrem endgültigen Scheitern ‚retten‘ könnte – dank eigener neuer, innovativer Angebote, die ich, ich, ich mir ausgedacht hatte.

Soweit, so naiv. Mit der naiven Begeisterung und Neugierde eines  – noch – unverdorbenen Kleinkindes posaunte ich sie in die Welt, in der irrigen Annahme, die kundigen Kunden würden meine Genialität bemerken, begeistert Beifall klatschen  und mir die Bude einrennen.  Erste Ernüchterung: Sie taten es nicht. Dazu war ich schlicht viel zu unbekannt.

Phase 2: Fassungsloses Staunen ( Kindergartenphase)

Ich bin ja nicht blöd! (Zitat aus ner Werbung), sondern lernfähig und ergriff Maßnahmen, um diesem Manko des „Ich bin noch nicht bekannt genug“ entgegen zu wirken, investierte in eine  Website, legte mir einen Blog zu.  Ha, Fehler erkannt, Fehler gebannt!

Naivchen, ich. Denn  – ähnlich wie die Tore des Kindergartens den Eintritt in eine größere Welt als die bisherige markiert – öffnete sich mit dem Eintritt in die WWW-Welt auch die Herausforderung, mit den anderen Menschen darin klar zu kommen. Und, staun und merke,  die sind einem nicht ALLE und IMMER wohl gesonnen.

Mit zunehmendem Kundenstamm und zunehmender Fassungslosigkeit  stellte ich fest, dass andere, nennen wir sie Mitbewerber, einfach Ideen, Tipps, Angebotsformulierungen 1:1 übernahmen, Wissen, MEIN mir angeeignetes  (Fach)Wissen, einfach abgriffen und zügig in ihre Angebotspalette einarbeiteten, da sie über mehr Ressourcen, Geld, Erfahrung, Energie, Menpower, Infrastruktur verfügten und irgendwie immer schneller waren als ich.

Immer noch ungläubiges  Staunen meinerseits: Hey, die Welt ‚da draußen‘ ist nicht NUR gut, edel, hilfsbereit. Dieses Staunen dauerte. Lange. Meine Söhne,  viel vertrauter mit den Geflogenheiten des Internets als ihre mittelalte Ma, hämmerten mir immer wieder ins Gedächtnis: Wenn du was ins Web stellst, ist es quasi nicht mehr DEINS. Kapiert?!

Endloses Diskutieren mit ihnen  und anderen, ob der Schlechtigkeit dieser Welt, Moral, Ethik etc.. Die Frage: Wem, verdammt noch mal, gehören meine neuen kreativen Ideen, mein Gehirnschmalz, meine poetischen Verse etc.? stand nach wie vor im Raum. Das mündete schließlich in die

Phasen 3, 4, 5 und 6: einem Gemisch aus Wut, Ohnmacht, Resignation, Lähmung, Wut, Ohnmacht, Lähmung, Wut….

Mal kriegte ich eine der-ma-ßen Wut und hatte große Lust, diesen unverschämten Klauern verbal und öffentlich einen vor den Latz zu knallen. Mal sank ich gelähmt aufs Sofa und beschloss, niemals und nie wieder irgendetwas in diese schnöde Webwelt zu setzen – über die letztendlich aber doch auch meine Kundinnen und Kunden kamen/kommen.

(Ich hörte grad nebenbei im Radio, wie Karl-Theodor beteuert, er hätte es nicht extra und mir Vorsatz getan/getäuscht… ohhhhhh, Himmelherrgott, dann muss mann eben etwas oder entschieden achtsamer sein, wem man(n) was klaut. )

Jedenfalls ging bei mir die Zeit ins Land. Derweil tobte ich immer noch auf dem heimischen Papier und im intimen Freundeskreis rum, gewillt mit dem Finger auf die Abzocker, Klauer, Unverschämten zu zeigen: Pfui, bah, ich bin und will nich so sein wie ihr! Dass das nicht die feine und souveräne Art wäre, war mir auch klar.  – Also schwieg ich erst mal. –

Und beschäftige mich intensiver mit der Frage: Wem gehört Wissen?  Wie gehst du selber mit dem Wissen anderer um? Wie würdest du dir das wünschen? In wieweit hast du es auch in der Hand, ob jemand dein Wissen umsonst abgreifen kann – oder nicht?  Welche Naivität gehört in die ‚Kindheitsabteilung‘ – und wie sieht ein eigenverantwortlicher Umgang mit dem Net aus?

7. Phase:  Was ich daraus gelernt habe:

Das, was viele Kids über Face-Book kapiert hatten, es hatte auch mich als Business-Frau erreicht: Zu realisieren, das Web hat seine eigenen Regeln!

Ich kann mich beugen. Ich kann mich ganz rausziehen (auch aus den Social Networkplattformen)  Ich kann aber auch vorsichtig(er) sein. Ich kann mich – öffentlich – entrüsten, damit sich auch hier in Zukunft nicht jeder ungefragt bedienen kann – Weder Google, noch die gedankenlosen Karl-Theodors dieser Welt noch die bewussten Wissensklauer und Abzocker.

Ich überlege mir mittlerweile sehr, sehr genau, was ich wann und wie ins Nets stelle. Da ist die blauäugige Naivität einer angebrachten Vorsicht gewichen.

Nebenbei hat das ganze Nachdenken über den Umgang mit Wissen noch zu einer anderen Erkenntnis geführt: Dass ICH ich mein Wissen nicht mehr umsonst in die Welt geben will – weil ich einer grassiernden GRATIS-Mentalität nicht noch Nahrung geben will. Diese lehne ich zunehmend ab, egal,  ob es sich um GRATIS-Gutscheine fürs Essen bei Möbelgeschäft X handelt, oder die  6. GRATIS-Zahnpastatube,  wenn ich 5 kaufe, oder GRATIS-Praktika oder GRATIS-Wissens-Downloads in der Coachingszene.

Ich bin bereit für anderer Leuts Fachwissen oder Expertentum zu zahlen. Sie haben auch dafür gezahlt: Mit Geld-, Zeit-, Energieeinsatz.  Diese Art von Wertschätzung erwarte ich umgekehrt für meine Arbeit auch.  Das  werden viele  (Marketingexperten) sicher anders sehen und  zu Gratis-Geschenken raten. Das dürfen sie.

Überhaupt hat das Thema Wissensklau m.E viel mit dem Thema Wertschätzung zu tun. Und mit Achtsamkeit, die zeitlich noch vor der der Wertschätzung anzusiedeln wäre.

Und Wertschätzung, oder richtiger gesagt: mangelnde Wertschätzung ist eins DER großen Themen im Coaching, um nicht zu sagen, generell.  Gesehen werden, gehört werden, geachtet werden, wertgeschätzt werden, wahrgenommen werden, auch in unserer Einmaligkeit, das ist, glaube ich, die tiefe Sehnsucht vieler oder aller  Menschen.

Die Frage ist: Wo finden wir sie heute noch? Oder anders gefragt, welche Kopfstände sind Menschen bereit zu unternehmen, um wahrgenommen zu werden? Müssen wir dafür andere dafür beklauen, abschreiben, kopieren?  Müssen wir uns im Dschungelcamp oder bei Dieter Bohlen zum Affen machen (lassen)?  Müssen wir so tun, als wären wir DAS Wissen gepachtet?

Ich bin ja so’n Haltungscrack. Mir sind jedenfalls im Umgang mit anderen Experten und meiner Arbeit folgende Haltungen ausgesprochen wichtig und wesentlich:

1: Ich weiß, dass ich nichs weiß!  – Sokrates – Will  heißen; ich bin mir bewusst, dass Expertenwissen auch immer nur Teilwissen  und Jetztwissen ist und mein Gegenüber anderswo Exerte/Expertin ist.

2. Wir stehen immer auf den Schultern von anderen. – siehe Eingangszitat –  sprich, ich bin mir bewusst, dass selbst noch so ‚neue‘ Ideen undenkbar wären ohne die Erfahrung, das Wissen, Ausprobieren, Scheitern von Vordenkern, Wegbereitern, Wagemutigen ( und deren weibliche Form natürlich!).

Mich interessiert, wie IHR Umgang mit Wissen ist.

Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht? Beruflich oder im Freundeskreis?

Welche Meinung haben Sie dazu?

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar oder, wenn Ihnen das zu öffentlich ist, mailen Sie mir unter coaching@maria-ast.de Ich freue mich auf Ihre Meinungen.

Maria Ast

PS – Und natürlich ist mir bewusst, dass mein Erfahrungswissen auch Wissen ist… Das gibt’s in Maßen natürlich auch weiter hier im Blog: for free! 🙂


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4 Kommentare zum Beitrag

  1. Avatar Harald sagt:

    Liebe Maria,

    was ist Dir Wikipedia wert?

    Werden die Autoren wertgeschätzt?
    Ist deren Anerkennung nicht die Veröffentlichung an sich?
    Das kopiert werden als Form „höchsten Glücks“?

    Ist dieses Wissen anerkannter (und fehlerfreier) als der wunderschöne, hochgeschätzte, nicht im Bücherregal fehlen dürfende, leider überholte Brockhaus?

    Anerkennung im Netz ist, was (wirtschaftlich) funktioniert! schnöde, pragmatisch aber bestimmt nicht einfach.

    Wertschätzung heisst auch, auf einen Blog zu antworten :-)))

    Danke für Deine Beiträge,
    liebe Grüße

    Harald

    • Maria Ast Maria Ast sagt:

      Lieber Harald,

      einer meiner Grundüberzeugungen: Bildung ist die Grundlage von (Selbst)Mächtigkeit. Dazu gehört, möglichst ALLEN Zugang zu Wissen problemlos, kostenlos (?) zu ermöglichen. Soweit so gut und wie ich Dich kenne, stimmen wir da sicher überein.

      Ich habe keine absolut gültige „Wahrheit“, wie Umgang mit Wissen gehen kann. Oder wie wir zukünftig mit neuen Ideen = geistigem Eigentum umgehen wollen.

      Mir ist wichtig, „es“ = den Umgang damit aber nicht kommentarlos und unwidersprochen den „Marktgrößen“ zu überlassen, die dann schnöde, pragmatisch, web-funktional sich auf Kosten der Vor-Denker, Ideengeber bereichern.

      Was Wertschätzung angeht: Ja, natürlich sind Kommentare auf Blogartikel eine wunderbare Wertschätzung. Ich war freudig überrascht und hab mich sehr gefreut, dass Du dieses Mal nicht per Mail an mich, sondern sozusagen öffentlich kommentiert hast und damit ja auch wieder Denkanstöße an andere gibst.

      Aber, was ich eigentlich mit den Artikeln sagen will: NUR von dieser Art Wertschätzung kann sich noch niemand sein Brot kaufen.

      BEIDES ist NOT-wendig. Damit wir nicht in geistige Not kommen, aber auch nicht in materielle.

      Hast DU eine bessere Idee, wie ein wertschätzender Umgang mit Wissen aussehen könnte?

      Explizit: Danke! für Deinen Kommentar und liebe Grüße.
      Maria

  2. Ja, das sind wichtige Fragen, die mich als Texter, Gelegenheitsblogger und Wikipedianer auch beschäftigen. Was die Wikipedia betrifft, ist mir die Sache relativ klar: Ich nutze sie, um meine sonst brachliegenden Kompetenzen als Historiker nutzbringend einzusetzen. Was ich da reinschreibe, gehört der Allgemeinheit, und ich ziehe meine Befriedigung daraus, dass sich auf diese Weise bestimmte Blickweisen, die ich für bedeutsam halte, ausbreiten und von anderen geteilt werden.

    Die geeignete finanzielle Anerkennung für solche Arbeit wäre aus meiner Sicht eine Art Grundeinkommen, das jeder aus Steuermitteln bekommen sollte. Vielleicht nicht bedingungslos, sondern geknüpft an gemeinnütziges Engagement. Das wäre politisch durchzusetzen.

    Wenn ich Ideen herauslasse, um Kunden zu gewinnen, brauche ich gar kein Internet, um beklaut zu werden. Es reichen schon Akquisegespräche mit potenziellen Kunden. Auch da präsentiere ich Ideen und muss damit rechnen, dass der Poti sie nachher mit Hilfe eines anderen verwirklicht. Das ist leider nicht zu ändern (denke ich), man kann Ideen nun mal nicht schützen, wenn man sich als Kreativer, als Ideenlieferant verkaufen will bzw. muss. Ich rechne also mit einer gewissen Verlustquote. Zumal diese Ideen, wie du richtig festgestellt hast, nicht aus dem Nichts entstehen, sondern selber wieder Ideen anderer aufgreifen. Wut hatte ich deshalb, glaube ich, noch nie. Doch, einen Fall gab es da, 1991 in Waldbröl, da war ich Stadthistoriker. Das hing aber mit der ausgesucht miesen Persönlichkeit des Diebs zusammen.

    Soweit mein Vorläufiges dazu.
    Schöne Grüße, Jens

    • Maria Ast Maria Ast sagt:

      Lieber Jens,
      das Thema scheint ja durchaus nichts an Aktualität eingebüsst zu haben, (ich hatte mich im Nov. 2011 darüber echauffiert), im Gegenteil, ich brauche nur eine Zeitung aufzuschlagen, schon ist jemand davon betroffen, ängstigt sich, wehrt sich mitunter.

      Es kann natürlich auch irre Blüten schlagen, ich find’s zwar grad nicht, es ging aber darum, dass Stefan Raab irgendeinen gängigen Spruch für SICH reklamieren wollte. Als Urheber. Haha, sage ich da nur.

      Danke für Deine Denk-Anregungen und Lösungsideen.

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