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Ich könnte schreiiiiiiiien oder Dritter sein oder Befreie Dich!

erstellt am: 30. Juli 2010 / von: Maria Ast / Kategorie(n): Allgemein

Liebe Leserinnnen, liebe Leser,

können Sie sich mal grad die Ohren zuhalten? Ich muss nämlich mal kräftig schreien… aaaaaaaaaaarrrrrrrrrrrrggggggghh. Und schreien muss ich immer, wenn ich mich einem tierischen Frust gegenübersehe, den ich loswerden muss, um nicht vor Wut oder Ohnmacht in die Auslegeware zu beißen und mir grad die 1000 ach so schlauen Verhaltenstipps der, haha, Coaches, Berater und Ratgeberbücher nicht einfallen.

Wobei wir auch schon beim Urgrund wären, der mich – sorry, ich muss es noch mal tun: aaaaaaaaaarrrrrrrrrrgggggghhhh – zum Schreien und hiermit auch zum Schreiben bringt.

Es sind die gefühlten Millionen Newsletter, Ratgeberbücher, Fernsehsendungen, die alle nur in EINE Richtung zielen: bei mir/bei uns können Sie höher, schneller, weiter kommen. Wir verhelfen dir zu Ansehen, Erfolg, Partner, Dauerglück.

Hä, was daran falsch sein soll, höre ich Sie fragen?
Meine Antwort: Alles! Weil es eine einseitige, ein eindimensionale Welt- und Wertesicht ist. Das Leben ist polar! Bewerte ich nur noch den einen Pol als erstrebenswert, dann hat das dramatische Folgen für jeden einzelnen von Ihnen/uns und letztlich für die Gesellschaft allgemein, denn das meint:

Sobald ich mich nur ein Millimeterchen vom Glücks- oder Erfolgs- oder Ach,was ist das Leben schön-Pol entferne, kriege ich das Zittern und Bangen und fühle mich defizitär. Und defizitär meint ja soviel wie:
negativ, suboptimal, nachteilig, unvorteilhaft, mangelbehaftet, fehlerhaft, beschädigt, defekt, , mangelhaft. Ich verweise nur mal auf unsere Nationalelf, die „Dritter sein“ als so negativ, suboptimal, mangelhaft empfand, dass sie keinesfalls feiern wollte! Ich könnte schon wieder schreien…

Dieser Dauerquatsch, den wir alle glauben sollen, dass Dauerglück, Dauererfolg, ein Kick nach dem anderen uns glücklich machen könnten und wir nur in diese Richtung blicken sollten! Befreien Sie sich davon, sonst sind SIE dauerunterwegs! Weiß vor Weiß, Glück vor Glück wird eh irgendwann nicht mehr als Weiß oder Glück wahrgenommen. a) hat man/frau sich daran gewöhnt, wie an das neue Auto, die neue Küche oder die Gehaltserhöhung und b) machen erst die Kontraste das Bild und das Leben spannend.

Und was tun wir also? Wir werden trotz Glück, Erfolg, Reichtum aus ,unerfindlichen Gründen´ unzufrieden, nöggeln rum, erschaffen uns also quasi selbst einen ,dunklen Hintergrund´, vor dem das Glück, die Freude, der Erfolg erst wieder als Glück oder Freude oder Erfolg wahrgenommen werden können.

Zurück zu meiner Wut: Wütend bin ich eigentlich, weil viele Menschen beim Wort „Coach“ genau solche Chackachacka-Typen im Sinn haben und ich auf Feiern, Messen, Veranstaltungen immer wieder klarstellen muss: zu dieser Art von Coach gehöre ich NICHT und will ich bewusst nicht gehören; Coaching meint für mich NICHT: immerzu schön die Kundinnen/Kunden in Richtung höher, schneller, weiter, zu begleiten, sondern die Akzeptanz zu fördern, das Leben als polar zu begreifen, diese Sichtweise als Bereicherung zu empfinden.

Es geht eher darum, die Spannung zwischen den (Lebens)polen aushalten und meistern zu lernen. Eine Lebensaufgabe, da das Leben uns immer wieder vor andere, neue – leidvolle und glückvolle – Herausforderungen bereit hält.

Ihnen alles zu theoretisch, was ich da formuliert habe? Dann zur Veranschaulichung ein Beispiel aus der Praxis, was es mit der (Neu)Bewertung von Polen auf sich hat:

Beispiel: Herr Icks kommt zu mir, ist leicht depressiv und schüchtern und möchte offener auf Menschen zugehen können, weil er meint, dass er mit seiner sehr verschlossenen Art wohl keine Karriere im Beruf machen und auch keine Partnerin finden wird (es mag zig andere Gründe haben, die lasse ich jetzt einfach mal außen vor).

Um es in Polen auszudrücken: Herr Icks möchte weg vom Pol „Schüchternheit“ und hin zum Gegenpol „Offenheit“, dann, so vermutet er, wird er erfolgreicher seine Ziele erreichen.

Kunden sind immer wieder bass erstaunt, wenn ich ihnen sage: Prima, dass Sie schon wissen, wohin Sie wollen (meistens in die Gegenrichtung!!). Dazu kommen wir auch noch.

Es geht mir im ersten Schritt darum, den ,lästigen´ Pol, die meistens verhasste Eigenschaft positiv zu bewerten: dass und was für eine tolle Qualität es z.B. ist, sich zurückhalten zu können, verschlossen zu sein, verschwiegen zu sein, nicht immer in den Mittelpunkt drängen zu müssen etc.

Es geht nicht ums Wegmachen von Etwas, sondern er kriegt was dazu. In seinem Fall den Gegenpol zu Schüchternheit:  Offenheit. Der wird natürlich geübt und trainiert, wie ein Muskel, der bisher nicht gebraucht wurde.  Erst dann hat er tatsächlich die Wahl und kann situativ entscheiden:  mal ist dran – z.B. im Net – sich bedeckt halten zu können und mal ist es dran – z.B., wenn er eine Partnerin sucht – sich auch zu öffnen. (Und das bitte schön auch nicht andauernd, denn wie heißt es so schön: Wer immer offen ist, ist nicht ganz dicht. Und wer will schon einen Partner, der nicht ganz dicht ist!).

Die Erleichterung und das Erstaunen ist immer groß, wenn Kunden verstanden haben, dass das, was sie eigentlich loswerden wollten: hier die Verschwiegenheit, eine völlig andere, nämlich positive Bewertung erhält und sie diesen Teil behalten sollen und dürfen und sie ,nur noch´ die andere Hälfte dazulernen müssen, um tatsächlich ein Ganzes zu erhalten und je nach Kontext und Situation auf BEIDES zurück greifen zu können.

Das mag als Beispiel für kleinere Polaritäten dienen. Die Akzeptanz der großen Pole: Freude und Leid, Handlungsfähigkeit und Ohnmacht, Leben und Tod, Erfolg und Misserfolg, Erster sein und Letzer sein,  um nur einige zu benennen, gehören m.E. genauso zum Ganzsein und zu einem wirklich reichen Leben in all seiner Bandbreite.

Nicht immer leicht, das auszuhalten. Entscheidend ist meine Haltung, die ich habe. Hat Leid, hat Misserfolg, haben dunkle Zeiten darin auch Platz, dann bin ich weniger getrieben, rastlos und unermüdlich den Gegenpol anzustreben – sollten auch noch so viele Coaches, Ratgeberbücher, TV-Sendungen das Gegenteil als Heilsbotschaft verkünden.


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2 Kommentare zum Beitrag

  1. Recht hast du, Maria!!!

    Schütze uns die Welt vor den vermeintlichen Ewig-Besten! Surfen wir mit den Wellen des Lebens, das macht eh mehr Freude und bietet Würze. Das Menschliche sehen und wertschätzen, die Herzen öffnen und Begegnung wagen.

    Erfolgreich sein und in Erfüllung leben. Jeden Tag? Wow! Und vor allem, erfolgreich worin? Wer legt überhaupt die Kriterien fest, was das Beste ist und woran wird es gemessen?

    Folgender Gedanke erscheint da passend: „Suche keine Vollkommenheit in einer sich wandelnden Welt. Vervollkommne stattdessen deine Liebe.“ Leider nicht von mir sondern aus den Reden des Bhudda :-).

    Viel Freude am weiteren Schreien und Schreiben und Coachen und überhaupt!
    Bärbel

  2. Avatar Artur sagt:

    Danke für den Artikel 🙂
    Bin auch Ihrer Meinung!!!
    Es kann nicht immer nur bergauf gehen…
    Wäre wahrscheinlich sonst auch irgendwann langweilig.

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