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Vom Neid oder Wie ich meinen Schreibstil fand

erstellt am: 20. September 2014 / von: Maria Ast / Kategorie(n): Allgemein

 Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: erstens durch nachdenken, das ist der edelste, zweitens durch nachahmen, das ist der leichteste, und drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“ – Konfuzius

Neid! Igitt! Welch e-ke-li-ges Wort. Welch Scheißgefühl, welch unmoralischer, sündiger, ja todsündiger Zustand, zählt er doch zu den siebenTodsünden dieser Welt, die mensch, schwupps, ohne großes Federlesen in die Hölle befördert.

Beneiden Sie jemanden?Und wenn ja, worum?

Ich: Ja! Trotz kirchlich-frühkindlicher Einflussnahme, allerbestem Wollen, tiefster Einsicht, überfällt er mich phasenweise und jedesmal wieder arbeite ich mich an ihm an. Zielte mein früherer, quasi unbefleckt jungfräulicher , weil unreflektierter Neid noch auf äußere Schönheit, Jugend, Lebensform anderer, traf es und er mich lange und ausdauernd auf anderem Terrain, das viel Bedeutung für mich hat und entsprechend tief zuschlagen konnte: dem Thema Schreiben bzw. erfolgreich(es) Schreiben.

Mit todsündigem Neid blickte ich Jahr um Jahr ich auf all jene Autoren, Blogbetreiber, BücherschreiberInnen unter den LebensbewältigungshelferInnen, die scheinbar aus dem Stand Zahlen, Fakten, Statistiken hervorzaubern können, die Fachbuch um Fachbuch auch nach Jahren noch mit Titel, Autoren, Erscheinungsjahr runterbeten können, die locker 3 Erkenntnistheorien säuberlich gegenüberstellen können – samt Lebensdaten der jeweiligen Theoretiker und historischer Eingebundenheit versteht sich.

In kurz: Ich beneidete Menschen, die über eine hervorragende Art von Wissensspeicherung verfügen und dieses Fach-, Sach-, Datenwissen auf Knopfdruck rauszuholen vermögen – und damit beeindrucken, glänzen, dicken Erfolg haben. Das sind addiert schon zwei Neide!

Neiderkenntnisse der erhellenden Schreib-Art 

Mich beeindruckte und beeindruckt diese persönliche Datenspeicherkompetenz. Ehrlich. Dem Neid meinerseits war und ist jede Menge Bewunderung beigemengt. Wen man beneidet, wen man bewundert, der hat etwas, was ich/wir/Sie AUCH gerne hätte/n. Es ist also weniger ein missgünstiger Neid, eher ein „will-ich-auch-haben-oder-das-möchte-ich-auch-gerne-können-„Neid.

Ha, dachte ich, Problem erkannt, Problem gebannt. Ich versuchte es mit der goldenen NLP-Coaching- und lt. Konfizius leichtesten Regel: dem Nachahmen! Schau, wie die erfolgreich Glänzenden es machen und dann los, mach hinne, Maria, ihnen nach!

Also versuchte ich, mir Zahlen, Fakten, Daten – Sachwissen – auf jede erdenkliche und eselsbrückenartige Art so anzueignen, auf dass sie leicht und erfolgbringend Eingang in meine schriftlichen Blog-, Website-, Artikelergüsse fänden mögen.

Ich sag’s Ihnen gleich: Ich scheiterte! Es war me-ga-anstrengend. Es war tierisch zeitraubend. Es blieb, zumindest in eigener Wahrnehmung, ein stümperhaftes Gestammel, gepaart mit dem Gefühl von Dauerunterlegenheit den wahren Könnern gegenüber. Ich schwieg eine Weile. Wer hat schon Lust, sich im Zustand des glanzlosen Neides und der Selbstzweifel zu präsentieren? Ehe ich mich versehen hatte, fand ich mich in der dritten Konfuzius-Regel wieder, der bittersten: die der Erfahrung.

Highnoon es mit der edelsten Regel des Konfuzius zu versuchen: Dem Nachdenken.

Was irritierte mich so? Hatte ich nicht genauso viel Wissen, wie die Fakten-Daten-Aufzählen-Könner? Hatte ich nicht genauso viele, mehr, andere Bücher gelesen? Hatte ich nicht zuweilen gar den Eindruck, entschieden mehr von der Thematik zu verstehen als sie? In allem Schweigen hielt sich nämlich ebenso hartnäckig wie zäh die Überzeugung: Auch du, Maria, hast den Menschen was zu sagen, und, du hast sogar tierische Lust, es mit-zuteilen.

Wofür bin ich also Expertin?, fragte ich mich. Was unterscheidet meinen Schreib- oder Vermittlungsstil von denen derer, die in meiner Wahrnehmung mehr Erfolg einheimsen? Ergebnis meines Nachdenkens : Ich verfüge über keine Zahlen-Daten-Fakten-Speicher, mit dem ich glänzen kann. Eher ist es eine INTEGRATIONS-Leistung, die ich vollbringe: Ich verknüpfe INHALTE miteinander, integriere sie in Erfahrungs-Wissen, gewinne so meine – subjektive -Weisheit. Ist das nicht das eigentliche Ziel erfolgreichen Lernens? Schafft nicht erst Integration Zusammenhänge und somit Sinn?

Erfahrungen haben zuweilen eben Bitterkeit, aber auch ihren ganz eigenen Charme. Denken Sie an all die heißgeliebten in ICH-Form geschrieben in Biographien, Essays, Blogs. Erfahrungen enthalten gefühlte Wirklichkeit, die sich für diejenigen, die viel davon machen, zu dem verdichten, was wir WEISHEIT nennen. Weisheit mag zwar nicht messbar sein, für unsere Lebensbewältigung – dem stimmen nun sogar die Neurobiologen zu – ist Weisheit ein Gefühlssieb von existenzieller Bedeutung, wenn es darum geht, unser Leben zu bewältigen und zu gestalten.(Auch wenn dies in dieser wissens- und zahlengläubigen (business)Welt häufig immer noch anders ist!)

Die Bewusstheit über den Wert von Weisheit brachte die Er-Lösung.

Den Wert von Weisheit hat mir erst mein Philosophiestudium im 3. Semester beschert: Statt der Anbetung des Logos, der Vernunft, der bisher alleine zur Erkenntnis der Welt beitrug, glaubten die Empiristen – allen voran Locke, Hume- , dass alle Erkenntnis NUR aufgrund sinnlicher, eigener Erfahrungen möglich ist. Also, von einem Extrem, von einer „Wahrheit“ in die andere. Erst Kant hat dann beides später zusammengeführt: zum Sowoh-als-auch, dass SOWOHL Verstand ALS Erfahrung nötig sind, um uns damit – unsere Wahrheit – der Welt zu erschließen.

Seitdem ich klar habe, dass Erfahrungs-Wissen und Wissen-Wissen jedes für sich einen und seinen Wert hat, und dass ich eben eher Erfahrungs-Wissen-Vermittlerin bin, hat mein Neid auf Wissensspeicher-Menschen erheblich nachgelassen. Ich kann sie lassen, bewundern für ihre Fähigkeit – und ich kann mich lassen, für meine Fähigkeit, vielleicht lebendiger, lebensbezogener zu schreiben. Letztendlich entscheidet eh jede Leserin, jeder Leser, welchen Stil sie oder er bevorzugt: Mal kann es dieser, mal jener sein. So ist es jedenfalls bei mir.

Fazit: 1000 Dank an meinen Neid! Er hat mich zwar gnadenlos mit den weniger schönen Seiten meines Ichs konfrontiert, mir meine Grenzen klargemacht, ABER er hat mir auch geholfen, herauszufinden, welche verborgenen Sehnsüchte und Kompetenzen ich habe. Solange er diese Wirkung hat, ist er mir willkommen.




Ein Kommentar zum Beitrag

  1. Avatar Carsten sagt:

    Neid ist wirklich eine zwiespältige Sache und ich würde dabei noch nicht mal komplett davon ausgehen, dass es IMMER schlecht ist. Neid kann auch anspornen und die eigenen Potenziale ausschöpfen, ich hab das mal in einem Artikel hier gelesen und sehe es seitdem auch aus einer anderen Perspektive …
    https://impulsdialog.de/ueber_uns/blog/neid-neidisch-missgunst-hoechste-form-anerkennung-definition-psychologie-synonym-spr

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