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Neid oder Vom Umgang mit einem ätzenden Gefühl

erstellt am: 20. September 2014 / von: Maria Ast / Kategorie(n): Allgemein

Diesen Sommer war es mal wieder so weit. Es gibt Zeiten, da muss ich aufpassen, nicht von und vom Neid zerfressen zu werden. Es ist diese bestimmte Sorte Neid, die mit der anderen nicht zu verwechseln ist. Es gibt den Neid, bei dem ich anderen von Herzen gönne, was sie haben, sind, können. Dieser Neid gönnt, möchte nur selbst auch gerne haben, sein, können. Der spornt mich eher an.

Und dann gibt es den Neid, der sich wie ein riesiger Kohlebagger durch meine Gedanken fräst und dunkle Seelenschichten freilegt, die ich lieber nicht sähe, Neid, der sich wie Säure durch meine Einweide ätzt. Ein selbst-zersetzender Prozess, der auf Dauer nicht nur Magen- und Darmwände perforiert, sondern – crumbling stone by stone – auch alle Daseinsfreude und Lebenszugewandtheit zu Mörtelstaub zerbröckeln lässt.

Ich will diesen Neid nicht! Er soll verschwinden! Ich möchte ihn in die Wüste schicken, er schickt sich irgendwie für einen aufgeklärten Menschen nicht. Vor allem hasse ich seine überfallartige Geschwindigkeit, mit der er sich meiner bemächtigt, und, hat er erst mal seine Krallen in mein Gemüt und meine Gedanken geschlagen, seine Beute: mich, so schnell nicht wieder loslässt.

Die Neidspirale: Wer und was triggert dieses Neidgefühl?

Neid ist eine Spirale: Bei mir ist er stark gebunden an Beruf und Existenzängste. Und die wiederum haben mit Konkurrenzdruck zu tun. Der wiederum ’nötigt‘ mich, mich mit anderen aus der Berater-/Coachingszene zu vergleichen – und siehe da, da gibt es viel dümmere, unreflektieritere, großkotzigere, marktschreierische, manipulative, scheinheilige, selbstüberschätzende „KollegenInnen“, die haben – und das ist der eigentliche Neidknackpunkt –  scheinbar oder real mehr finanziellen! Erfolg als ich. Ein Gefühlseintopf aus Ohnmacht und Wut und Frust ist die Folge.

Wenn mir in so einem Moment noch ein ach so erfolgreicher Trainer, der seit 3 Jahrtausenden dasselbe anbietet, sich persönlich aber null weiterentwickelt hat, meint sagen zu müssen, was er alles richtig und ich alles falsch gemacht habe, könnte ich mit der Faust auf den Kneipentisch – oder die Blogseite – schlagen und vor versammelter Mann- oder Frauschaft sagen: Was fällt dir arrogantes Arschloch eigentlich ein, so einen Bullshit zu erzählen? Wie dumm, unreflektiert, kurzsichtig muss man(n) denn sein, der immer noch glaubt, er hätte alles aus EIGENER Kraft, Geschicklichkeit, Wagemut geschafft und die anderen seien halt selbst Schuld.

Nein, ich tue es natürlich nicht. Wem muss ich noch was beweisen? Ich frage mich, was hat der Neid mit mir zu tun? Neid hat bei vielen was mit dem Gefühl von Ohmacht und vor allen Dingen dem Gefühl von Ungerechtigkeit zu tun.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Kundin, die vor Jahren ihre kleine Buchhandlung aufgeben musste. Schluchtzend, erschüttert, fassungslos brach es aus ihr heraus: „Aber ich habe doch alles richtig gemacht!“ Ja, hatte sie. Und dennoch kamen nicht genug Kunden. Und dennoch konnte sie nicht davon leben. Und dennoch musste sie ihren Laden schließen. Und das war noch zu Zeiten, als kein Amazon und Google als Konkurrenten auftraten.

Radikale Akzeptanz des Nicht-Änderbaren

Das ist bitter, zu wissen und zu erfahren: Eigentlich mache ich genau das, was mir Freude macht, das was ich wirklich gut kann, wofür ich mich innerlich engagiere, etwas was meinen Verstand fordert, und mir Herz, Gemüt und Seele füllt. Ich habe redlich versucht, ‚alles‘ richtig zu machen – und es reicht dennoch nicht, der erhoffte, erträumte, berechnete Erfolg bleibt dennoch aus.

So ähnlich geht es mir zuweilen in Sommerzeiten, wo es weniger Kunden gibt als zu anderen Jahreszeiten. Aus diesem Mangelblick starren mich diverse Neide an:  auf die anderen, die mehr Erfolg haben obwohl sie – alles subjektive Berwertung, ich weiß – qualitativ und substanziell weniger Gehaltvolles liefern; auf solche, die über mehr Energien, Energien in weitestem Sinne verfügen: mehr Kraft, da sie jünger sind, mehr Schultern, die sich die Arbeit teilen, finanzielle Polster, die es ihnen erlauben, zu experimentieren, Ungeliebtes, Energiezehrendes auszulagern etc.

Es ist eigentlich ein Klagelied, das ich singe dann, ein Klageneid, über Dinge, die ich nicht ändern kann. Dann ist es Zeit mir wieder mal klar zu machen: Nicht alle Dinge kann ich beeinflussen, nicht alle Erfolge – oder Misserfolge! – sind meinem Tun oder Nichtum zuzuschreiben. Unsere Einflussmöglichkeiten werden häufig überschätzt. Manche Dinge gilt es radikal zu akzeptieren. Mit Betonung auf RADIKAL. Warum? Sonst verliere ich mich weiterhin im Neiden, im Wüten, im Hadern, binde damit Energien, die ich für andere, Produktivere Dinge nutzen könnte.

Klagen erleichtert. Auch diese Neid-Klage erleichtert. Ich blicke aus 50 cm Laptop-Entfernung auf sie. Ich habe sie, die Klage, und ihn, den Neid, aufs Papier geworfen. Raus ist er. Ich kann distanzierter auf ihn blicken. Er blickt zurück. Da stehen wir uns gegenüber: Aug in Aug, aber jetzt zumindest schon mal auf Augenhöhe. MEHR Macht will ich ihm über mich und meine Gedanken und mein Leben nicht geben. Und, ja, mag er gerne mal wieder die Augen schließen für eine Weile.

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Sie möchten mehr zum Thema NEID wissen? Einen wirklich lohnenswerter Beitrag zum Thema NEID finden Sie auf WDR5 – Sie können ihn als Text downloaden oder sich als Podcast anhören.

 




2 Kommentare zum Beitrag

  1. MARIA: Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Kundin, die vor Jahren ihre kleine Buchhandlung aufgeben musste. Schluchtzend, erschüttert, fassungslos brach es aus ihr heraus: „Aber ich habe doch alles richtig gemacht!“

    An der Stelle hab ich laut losgeheult, Rotz und Wasser. Was machen die mit uns? Was halten wir alles aus? Dieter Süverkrüp hat mal sein Utopia so besungen:
    Und wenn einer Dichter ist, dichtet er eben
    und kriegt genug pro Gedicht.

    • Maria Ast Maria Ast sagt:

      Hallo Jens, tja, wer bezahlt die DichterInnen und Co? Bin Lesepatin, jedes siebenjährige Kinder verstehen die Botschaft in Leo Lionnis Frederick, dass Mensch eben nicht nur vom Brot ALLEIN lebt. Aber ganz ohne Brot und Lohn und Entlohnung geht’s eben auch nicht. Ich habe keine beruhigende Hurra-ich-habe-die-Lösung-Antwort auf Deine Fragen parat. Wer ist für „sowas“ zuständig in einer Gesellschaft? Die Politiker? Wir alle?
      Danke für Deinen offenen Beitrag.

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