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Kolumne: Melancholie oder Ewig dröhnen die Laubbläser

erstellt am: 3. September 2015 / von: Maria Ast / Kategorie(n): Bewusstheit, Kolumne, Wissenswertes

Lebenskunst-Facetten: Melancholie oder Ewig dröhnen die Laubbläser – 7. Artikel fürs Stadtmagazin Spenger Echo

Wie fanden Sie diesen Sommer? Trotz kleiner Widrigkeiten wie Dauerwiederholungen im Fernsehen, verbrannten Balkonpflanzen, feindlicher Kuchenübernahme durch Wespenvölker fand ich diesen Sommer schön. Ich erinnere andere, in denen ich Seit an Seite mit halb Deutschland ob Dauerbewölk­­­­ung in Halbdepression verfiel.

Zugvögel Hi-Fi / photocase.de

Zugvögel Hi-Fi / photocase.de

Ach ja, nun ist auch er dahin. Der Himmel leerer und leiser: Mauersegler und Schwalben, fort sind se. Schon streben Gänsefamilien in perfekter Einserformation nach Südsüdwest. Spinnwebfäden erinnern mich wehmütig an meinen ganz persönlichen Altweibersommer: 61 ist nicht mehr Hochsommerlebenszeit. Melancholie überfällt mich.

Melancholie ist für mich nichts Schlimmes. Wehmut ist ein intensives Gefühl. Genau danach sehnen sich doch viele: nach Intensität, nach etwas, das ihre Alltagsroutine durchbricht. Melancholie gehört zur Lebensfülle dazu. Wer sich NUR an schönen, hellen Dingen erfreuen kann, der lebt nicht erfüllt, der lebt halb. Das ist, als würde jemand nur Dur-Ton-Musik hören wollen, ohne zu ahnen, welch intensive Klangfülle entsteht, wenn Moll-Töne dazu kommen.

Die Kunst besteht darin, diesen Gefühlszustand auszukosten wissen, ohne in die dunkle Schwester Schwermut oder Depression zu versinken. Der Rat meiner Oma lautete dann: „Dau wat!“, Tu was!, Wobei „Dau wat“ alles meinen konnte: nach draußen gehen, Hausaufgaben machen, beste Freundin treffen. Okay, dachte ich, warum nicht mal wieder Omas Rat befolgen. Geh raus, gönn dir erst mal ein Stück Kuchen. Gedacht, getan. Ich setzte mich einen Außentisch im Oetkerpark-Café, allein, die Melancholie wollte nicht weichen – bis ein ohrenbetäubender Krach die Stille durchbrach: Ein orange-gewandeter Laubbläser pustete gefühlte 10 bis 30 Blättchen zu immer neuen Häufchen. Ich versuchte es mit Ignorieren. Aber Sie kennen das ja, hat mensch den tropfenden Wasserhahn erst mal wahrgenommen, gibt es kein Hör-Entrinnen.

Ich merkte, wie die Wut sich langsam vom Kopf in den Bauch schob! Ich bekenne es hiermit öffentlich: Ich HAS-SE Laubbläser. Aus tiefstem Herzen! Sie wecken Aggressionsseiten in mir, die ich lieber gar nicht kennen würde. Mein Bedürfnis, sie den Laubbläsern aus der Hand zu reißen und so lange draufrumzuschlagen – auf dem Gerät natürlich – bis Ruhe herrscht, ist kaum zu bändigen. Rrööööhhhh… Wütend, megagenervt vom Krach – mein Gott, wen stören schon Wespen? – schaufelte ich den Kuchen in mich rein. Von Melancholie keine Spur mehr! Krach hatte Wehmut erfolgreich verdrängt. Kurz streifte mich der Gedanke, hä?, muss ich jetzt dem Krach gar noch dankbar dafür sein? Als die Wut verrauchte, kehrte Wehmut durch die Hintertür zurück: Ach, waren das noch Zeiten, als die Menschen einfach eine Harke zur Hand nahmen – und nicht jedes Single-Blättchen ‚ordnungsgemäß‘ weggepustet werden musste…

Einen krachlosen und klangvollen Spätsommer wünscht Ihnen
Ihr Lebenskunst-Coach MARIA AST 

 

P.S. – Mann berichtete mir, ein Wiener Bürgermeister hätte sich mutig in den Laubbläserwind gestellt und tatsächlich ein VERBOT der Laubbläser erwirkt. Google meint, in anderen – österreichischen – Städten sei das gar auch so. Es besteht also Hoffnung!?!

Kolumne: zuerst erschienen unter Lebenskunst-Facetten im Stadtmagazin Spenger Echo, Ausgabe Sept. 2015 – KV-Verlag Claudia Vogt.  Meinen nächsten Kolumnenbeitrag finden Sie im Lebenskunstblog  am 01.10..2015




2 Kommentare zum Beitrag

  1. Avatar Christina sagt:

    Liebe Frau Ast,
    ich liebe den Herbst und freue mich jedes Jahr wieder auf kühlere Temperaturen, goldene Blätter und alles was dazu gehört…nur bei den Laubbläsern geht es mir wie Ihnen. Von Natur aus bin ich zurückhaltend und eher sanftmütig aber sobald ich diesen höllischen Lärm höre, steigt ein loderndes Wutfeuer in mir auf! Warum werden keine Harken mehr benutzt? War der Erfinder dieser Monstren sadistisch und hat diese Geräte extra so laut gemacht?
    Das einzig Positive ist, dass ich, sobald ich diesen Lärm höre weiß, dass ich wütend werden kann. Die Erkenntnis fehlt mir bei anderen Gelegenheiten. 🙂
    Auf den Herbst freue ich mich aber trotzdem….
    Herzliche Grüße
    Christina

  2. Maria Ast Maria Ast sagt:

    Liebe Christina,

    „Every cloud has a silver ligning“ heißt ein englisches Sprichwort, zu deutsch in etwa: Im allem Schlechten steckt auch etwas Gutes. Das freut mich zu lesen, dass die Laubbläser bei Ihnen den Wut-Anteil wach halten; gerade die leisen, sanftmütigen Menschen ver-meiden ja häufig dieses Gefühl. Aus Angst, aus Rücksichtnahme, aus einem Harmoniebedürfnis heraus.
    Ich finde, WUT kann eine ungeheure Kraftquelle für Veränderung sein – wenn mann oder frau sie denn wagt, wahrzunehmen und sie entsprechend konstruktiv einzusetzen weiß. Mehr zum Thema Frauen und Wut finden Sie im Artikel „Ohnmacht oder Wie gehen Sie mit Wut um?
    (Mich macht es gerade rasend wütend, dass ich grad mal wieder nicht weiß, wie ich hier den Direktlink zu dem Artikel einfüge… Nundenn, ist nur eine kleines Kurzwütchen).

    Herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Ich nehme als Impuls daraus noch mit: Genau, Herbst macht mich ja auch nicht NUR melancholisch! Stimmt ja! Ich genieße ja auch Vieles, was der Herbst an satten Tönen und spektakulären Wolkenformationen zu bieten hat!

    P.S. Tattaaa! Ich habe die VerLINKungsstelle doch noch gefunden!

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