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Lebenskunst: Veränderung erleichtern – Abschiedlich leben lernen.

erstellt am: 28. Januar 2014 / von: Maria Ast / Kategorie(n): Allgemein

Heute morgen beim Aufwachen war ich traurig. Ein stechender, bohrender Schmerz zog durch Herz und Gemüt. Hinter den Augäpfeln drängen, ungewollte, ungefragt Tränen hervor. Ich hatte bzw. habe Baumkummer oder anders ausgedrückt: Abschiedskummer. Etwas, das ich nicht wollte, hat sich ereignet:

Gestern erfuhr ich von meiner 90-jährigen Mutter, dass 10 alte Eichen und eine sehr alte Buche, unter denen ich meinen ersten Schritte gemacht, die ersten Fahradstürze überlebt, mit Freunden gespielt habe, der Säge zum Opfer gefallen sind. Anlass genug für mich, hier mal wieder etwas zu Trauerprozessen zu schreiben, warum wir uns ihnen stellen sollten, wie wir besser damit umgehen lernen können.

Veränderungen sind nicht nur Neuanfänge, sie sind vor allen Dingen erst mal Abschiede.

Als Coach helfe ich Menschen, mit Veränderung(en) besser klar zu kommen, sie nach und nach gar meistern zu lernen. Aber, Achtung und Wohlgemerkt: besser, meisterlicher meint nicht = schmerzfrei!

Denn, es gilt nicht nur nur Hesses vielzitierte Zeile „..und jedem Abschied wohnt ein Zauber inne..“, es gilt auch nicht zu verdrängen: Jede Veränderung geht mit einem Abschiedprozess einher. Jede! In unterschiedlicher Ausprägung, in unterschiedlicher Länge. Die wenigsten sind sich dessen allerdings bewusst. Und das aus „gutem“ Grund: Sie wollen den (Abschieds)Schmerz nicht spüren.

Und wie ist das mit gewollten, ersehnten Veränderungen?

Dass selbst-herbeigeführte, ersehnte, innigst gewollte Veränderung in der Regel als weniger schmerzhaft empfunden wird, als eine erzwungene, leuchtet jedem von uns sicher ein: Ein freiwilliges Sabbatjahr versursacht sicher weniger Schmerz, als von der Firma „freigestellt“ zu werden; eine von uns ausgehende Trennung empfinden wir in der Regel weniger schmerzvoll, als wenn uns jemand verlässt. Und, es macht für mich einen gewaltigen Unterschied, ob und was ICH in Web-Öffentlichkei von mir preisgeben will, oder ob jemand anders das nach SEINEM Gut- bzw. Schlechtdünken tut! Von der Unversehrtheit meiner Privatsphäre will ich mich nicht kampflos verabschieden! Was uns sofort zu der Frage führt?

Was ist hilfreich, mit diesen Prozess besser, schneller, leichter, souveräner, gekonnter bis meisterlicher klar zu kommen?

Unbedingt hilfreich ist Bewusstheit: sich a) sich klar zu machen, dass auch Abschiedsprozesse in Phasen verlaufen. Allein das Wissen darum reduziert die Angst, der Schmerz, die Wut könne ewig dauern, um ein vielfaches!

Und b) sich bewusst zu machen, welche Vorteile/Nachteile es hat, sich diesem Prozess nicht zu stellen. Die Vorteile: Je schneller, je häufiger Sie da durchtauchen lernen, umso bessere TaucherInnen werden Sie. Ich wiederhole: BESSERE, geübtere, so dass die Angst, in diesem Schmerzsee untergehen zu müssen weniger wird, er schneller durchschwommen, durchtaucht werden kann. Aber eben, s.o., nicht schmerzfrei. Die Nachteile bzw. negativen Folgen des Nicht-Trauerns: Siehe weiter unten.

Lebenskunst: Abschiedlich leben – Die Phasen

Egal, ob Sie den Job verlieren, Ihre Gesundheit, liebegewonnene Bäume, Gewohnheiten , oder sich , weit schwieriger – von Illusionen über sich, den Traumjob,Traumpartner, Gerechtigkeit… zu veabschieden, die Abschiedsphasen ähneln denen, die wir beim Tod anderer – dem letzten großen Veränderer – durchlaufen. Ein Abschiedsprozess drückt immer aus, dass wir etwas verloren haben, das für uns einen hohen Wert darstellte.

Ich stelle die Phasen hier noch einmal vor. Vielleicht erinnern Sie sich vor dem Lesen an EINE Situation, in der Sie von etwas Abschied genommen haben oder nehmen mussten und fühlen nach, ob Sie sich in den Phasen wiedererkennen.

1. Die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens (oder auch Schockphase).
Das kann nicht wahr sein! Ich will jetzt nicht glauben, dass die Bäume wirklich und für alle Zeit ab-ge-sägt worden sind! … die Beziehung ist am Ende… der Kollege hat den Chefposten gekriegt… die Diagnose ist Fakt… Wir versuchen so gut wie’s geht, so lange und häufig, wie es nur eben geht, zu verdrängen, zu rationalisieren, in den gewohnten Alltag zurück zu kehren.

2. Die Phase der aufbrechenden Emotionen:
Die Gefühle lassen sich nicht mehr runterdrücken: Wir jammern, weh-klagen, jaulen, hadern, wüten, weinen, jammern wieder, hadern, toben, klagen, weinen. „Es scheint, als wären diese emotionalen Reaktionen, die nach der Phase der Erstarrung aufbrechen, jeweils die Eigenheit des Trauernden gemäß“, so die Aussage von Verena Kast in ihrem Buch „Trauern – Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Sage mir also niemand – und sagen SIE niemandem – wie ich/er/sie zu trauern hat!

3. Phase des Suchens und Sich-Trennens.
Das ist die eigentliche Trauerphase: Es ist ein Suchen – Finden – Trennen. Wir ver-suchen noch mal an das, was vorbei ist zu denken. Wir finden immer neue Aspekte: Die Arbeit war nicht NUR gut. Die Beziehung war nicht NUR schlecht. Wir trennen uns immer wieder vom DENKEN ans Verlorene. Um 2 Tage später die gleichen Prozesse zu durchlaufen. Die Intensität der Gefühle wird weniger. Solange, bis wir innerlich akzeptieren können, dass die alten Lebensumstände oder das eigene Selbstbild oder Weltverständnis nie wiederkommen wird und umgebaut werden muss, darf, soll.

Nachteile des Nicht-Trauerns:

Wer Phasen 2 und 3 auslässt, der droht a) innerlich zu erstarren (er/sie mauert die Gefühle ein, schockfrostet sie über Jahre) oder er/sie bleibt für immer im Hadern oder Wüten oder Weinen stecken zu bleiben (er findet aus den schmerzlichen Gefühlen nicht heraus). Innerpsychisch mag das für denjenigen Sinn machen: Es ist der Versuch eines Selbstschutzes. Der leider auf lange Sicht verhindert, dass Menschen in Phase 4. eintreten können:

4. Die Phase der Akzeptanz und Integration
Wir begreifen nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allen Sinnen, dass es kein „Gestern“ mehr gibt, das es nie wieder so wird, wie es war und integrieren die Erfahrungen und Erkenntnisse in unser ICH, in unser Neu-Erleben, unserem Selbst- oder Weltbild. Wir befrieden, versöhnen uns damit.

Gewollte Veränderung erfreuen erst mal Herz und Sinn(e).

Es gibt Veränderungen, die wir wollen: bauen, heiraten, uns selbst-ständig machen, den Jakobs-Weg wandern, uns ein Sabbatjahr gönnen. Doch auch das Schönste, Tollste, Erträumteste, es währt nicht ewig. Auch davon müssen wir uns irgendwann verabschieden, in die Niederungen des Normalen, Alltäglichen, Gewöhnlichen zurückkehren. Das schmerzt auf andere Art: Wir werden sentimental oder melancholisch – oder meiden auch diese Art des Schmerzes, ertränken ihn in Rotwein oder stürzen uns von einer action in die nächste….

Mein Fazit:
Wohldem, der sich bewusst und gut zu verabschieden weiß. Das Leben gewinnt an Tiefe, Intensität und, paradox, aber wahr, an Lebendigkeit.  Oder, um es mit Hesse auszudrücken: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied – und gesunde!“

Was Sie auch interessieren könnte: Requiem für einen Baum, Vom Umgang mit Trauer und Tod oder: You can’t push a river

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Eine – gewollte – Veränderung sei hier schon mal angekündigt: Ab Februar wird meine Website www.maria-ast.de in einem anderen Outfit erscheinen. Es wurde Zeit. Damit Inhalt und Form sich gefühlt wieder entsprechen. Seien Sie neugierig. Klicken Sie drauf. Gegen Sie mir gerne Rückmeldung – egal, ob Zustimmung oder Kritisches.




2 Kommentare zum Beitrag

  1. Peter Reitz sagt:

    Ein schöner Artikel zu einem wie ich finde, fast „Tabu-Thema“. Ich bin sicher, wenn Zyklen im Leben bewusster gestaltet werden, das Leben im „Hier und Jetzt“ eine viel höhere Qualität erreichen kann.

    Dazu passt vielleicht mein musikalischer „Link“, viel Freude beim Hören.

    http://www.youtube.com/watch?v=nJtWYAqnG2s

    Herzliche Grüße,

    peter reitz

    • Maria Ast Maria Ast sagt:

      Lieber Herr Reiz,
      ja, fast ein Tabu-Thema, besonders im Coaching(Denken).
      Und wie ALLE Tabus, die wir im Tabu-Modus lassen, steuern sie unser Fühlen, Entscheiden, Handeln, sitzen ‚uns im Nacken‘. Erst wenn wir den Mut haben, sie ’nach vorne‘ zu holen, sie uns anschauen, sprich bewusst machen, verlieren sie an – unterschwelliger – Macht.

      Zu „hohe Lebensqualität“: Frage ist, was meint das für jeden Einzelnen? Ich seh’s wie Sie: BewusstHEIT ist für mich unabdingbare Voraussetzung dafür. Sich Dinge bewusst zu machen, braucht allerdings Zeit – und die wiederum haben/gönnen sich viele Menschen nicht mehr. Sie setzen auf Beschleunigung/Eventhopping/Zerstreuung… Quantität eben. Tiefe wird das selten geben.

      Danke für Ihren Kommentar und Link (den Text von Madonna hatte ich mir vorher noch nie so intensiv angehört.)

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