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Heimat – Überall und nirgends zu Hause?

erstellt am: 12. Juli 2011 / von: Maria Ast / Kategorie(n): Allgemein

„Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.“       – Martin Buber

Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt, zur Sommerzeit, zieht es viele in die Ferne. Freiwillig. Sie auch?
Vielleicht suchen Sie etwas, was es hier, wo Sie leben, nicht gibt: Abenteuer, Ruhe, Abwechslung, Abstand vom Alltäglichen – in jedem Fall etwas anderes, als das Gewohnte oder Gewöhnliche. Eine Auszeit. Eine Anderzeit. Oft in Anderland. Vielleicht im Urlaub mal ein anderer, eine andere sein. Wenigstens da mal Seiten von sich (aus)leben, die sonst keinen Platz, keine Erlaubnis, keine Chance haben, gehört oder gezeigt zu werden.

Ferne, Fernweh, Reisen. Wozu? U.a., um Heim zu kommen, nach Hause zurück zu kehren, in die heimatlichen Gefilde.

Heimatland, Heimatort, Heimat. Können Sie etwas mit den Begriffen anfangen? Lösen sie etwas bei Ihnen aus? Nicht jeder hat sie, eine Heimat. Nicht jeder fühlt sie. Oder fühlt sie erst schmerzlich in ihrer Abwesenheit. Z.B. die Jüdin Mascha Kaléko. Nach ihrer Emigration, die sie erst in die USa und später nach Israel führte, fand sie keine Heimat mehr und dichtet:„Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.“

Das Gefühl von Heimat – äußerer wie innerer – stellt sich nicht auf Knopfdruck ein. Und doch ist es ein elemantares

Ohne das droht selbst das Reisen zur Aneinanderreihung von kleinen oder großen Fluchten zu werden. Wer keinen Platz hat, wo er sich zu Hause fühlt, eine sichere Plattform, von dem er in die Ferne starten – und zurückkehren – kann, der ist rastlos und auf der (Dauer)Suche, wo er oder sie hingehört.

Zu den ‘Zwangsrastlosen‘ gehören die Berufsnomanden, eine Bezeichnung für eine ganze Generation von Menschen, die keine Zeit oder Möglichkeit haben, irgendwo Wurzeln zu schlagen, da Beruf und/oder Karriere zur Dauerveränderung zwingen.

Wenn schon keine Heimat im Außen, als Ort, als Haus möglich ist, wenn Freunde fehlen, weil Freundschaften sich aufgrund dauernden Umzugs/Unterwegsseins/Trennung gar nicht mehr entwickeln können, dann wird es schwierig mit dem Heimatgefühl. Dann gilt es, etwas anderes zu finden, dem ich mich verbunden und vertraut fühle und wieder ‘landen‘ kann.

Ich traf vor Jahrzehnten im Urlaub in der Steiermark einen Bauern. Diese Begegnung hat mich nachhaltig beeindruckt. Er war noch nie aus seinem Tal weggekommen. Er liebte seine Arbeit, seine Alm, seine Berge, seine Heimat, wie er sagte. Er strahlte eine große Ruhe aus. Ein Einverstandensein mit sich und der Welt. Ich habe ihn bewundert und beneidet, suchte ich doch grad nach diesem Gefühl des Verwurzelt seins, dem Sich-heimisch-fühlen, dem Gefühl von In-sich- beheimatet sein. Und das war er: In sich beheimatet. Heimat, weniger als Ort, sondern eher als innerer Zustand.

In Anlehnung an M. Kaléko passt zu mir: Zur Heimat erkor ich mir die Worte. Darin finde ich Schutz, Zuflucht, Zuversicht, Verbundenheit. Da finde ich Freunde im Geiste (wenn die realen mal grad nicht greifbar sind). Da fühle ich mich heimisch. Da möchte ich verweilen. Da darf ich gehen – und wiederkommen. Dort ist ein sicheres Plätzchen, von dem aus ich geschützt und behütet und neugierig in die Welt zu schauen wage.

Eine andere Definition, der ich voll zustimmmen kann las ich vor Jahren in der hiesigen Tageszeitung, die ebenfalls gefragt hatte: Was ist Heimat für Sie? Ein Rentner aus Enger hatte geantwortet:„Heimat ist, wo ich nicht weg will!“

Und Sie? Was bedeutet Heimat für Sie? Woran machen Sie sie fest? Wo ist Ihr – innerer oder äußerer – Platz in der Welt, in dem Sie sich beheimatet fühlen?


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4 Kommentare zum Beitrag

  1. Robert sagt:

    wunderschön auf den Punkt gebracht, Danke für diese inspirierenden Zeilen. LG von Robert

  2. Bei mir jedenfalls stimmt das Klischee des Heimatfilms: Heimat hat für mich vor allem mit Gegend zu tun, mit Landschaft, mit Wegen, Wäldern, Bergen und Bächen. Als ich 1999 aus dem Rheinland nach Ostwestfalen gekommen bin, habe ich mich, um mich hier zu beheimaten, regelrecht am Teuto und an der Lutter (Emslutter! nur die echte zählt!) festgekrallt: sämtliche 70 Lutterbrücken fotografiert; einen „Teuto ohne Auto“ erfunden; http://www.teutoblicke.de eingerichtet; http://www.bielefelder-bäume.de gegründet…

  3. Guter Text, schöne Zitate, interessante Gedanken!
    Herzliche Grüße von Jens

  4. Maria Ast Maria Ast sagt:

    @ Robert
    Als Reisejournalist ist Dir das Thema – und die entsprechenden Gefühle – sicher bestens vertraut. Danke für Deinen Zuspruch.

    @ Jens
    Ja, Orte, wo man(n) sich zu Hause fühlt, sind was wunderbares und vielleicht ‚muss‘ man sich Außen-Heimat auch irgendwie erobern, so wie Du das beschrieben hast.
    Dazu fällt mir ein: Ich war mal in eine neue Wohnung gezogen und fühlte mich noch gar nicht heimisch. Da kam nen Freund und meinte: Hä, kein Radio in der Küche?, holte flugs ein altes von sich. Und? :-))))))) Fühlte mich sofort heimischer.

    @Robert und Jens

    Zum Text und Texten: Hab grad großen Spaß am Umformulieren und Feilen und Polieren von Texten, ausgelöst durch zwei Schreibratgeber der besseren Art. Die sind alten Hasen wie Euch, Robert und Jens, sicher längst bekannt. Klassiker von Sol Stein und eins von Roy Peter Clark.

    Irgendwann bald will ich doch von ??? gefragt werden, ob ich nicht ’ne Kolumne schreiben könnte :-). Ich arbeite weiter dran.

    In Wortverbundheit – Maria

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