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Existenzängste – oder: Wem gehört Wissen, die Zweite

erstellt am: 20. Februar 2011 / von: Maria Ast / Kategorie(n): Allgemein

Hui, bist Du aber knallig!, so lauteten in etwa die ersten – telefonischen und mailmäßigen – Kommentare auf meinen Blogbeitrag „Wem gehört Wissen? Oder Wie ich lernte, im Internet zu schweigen.“

Das mag tatsächlich so rüberkommen, war aber gar nicht mein Begehr, mich als arme Beklaute hinzustellen – und die anderen als die ‚bösen Klauer.

Mir ging es in erster Linie darum, eine Sensibilität dafür zu entwickeln, wachsam zu bleiben, wie wir mit dem Wissen anderer umgehen bzw. andere mit unserem Wissen umgehen.

Warum ist mir das so wichtig?  Weil ich das auch kenne, was viele Einzelkämpfer, Kleinst- und KleinunternehmerInnen kennen: Existenzängste.

Statt den Artikel ganz rauszunehmen, hier nun ein nächster Versuch, mich dieser Thematik auf weniger persönlich-betroffene, dafür in sachlicherer Form zu nähern.

Zuerst eine Einladung:

Szene 1: Für Wortfreaks

Bitte, stellen Sie sich einen Moment vor, Sie hätten sich entschieden, Ihr (Sach)Buch endlich  zu schreiben, investierten Zeit, Energie, Gehirnschmalz  und u.U. Geld – und peng, stünde es am anderen Tag für alle GRATIS downzuloaden im Netz. Ein jeder könne damit machen, was er oder sie wolle.

Sollten Sie einen reichen Onkel oder Sponsor haben, kein Problem. Sollte es Ihnen egal sein, ob Sie als armer Poet sterben, Hauptsache, Ihre Botschaft hat die Menscheit bereichert, auch kein Problem. Sollten Sie jedoch – ganz oder anteilig – vom Verfassen von (Fach-, Sach-)Büchern leben zu müssen, sähe die Sachlage schon anders aus.

Szene 2: Für Techniktüftler

Malen Sie einen Moment lang aus, wie Sie im heimischen Kämmerlein in jahrelanger Tüftelei eine wirklich ge-ni-al einfache Lösung gefunden haben, um völlig problemlos Flugzeuge zu enteisen oder zum Mars zu fliegen oder Laptops flacher zu machen.

Leider, leider  haben Sie aber nicht das Geld, um diese patentieren zu lassen – und selbst wenn, dürften die Mitbewerber Ihre Entwicklung mit wiiiiiiiiinzigen Abänderungen eh produzieren, und da einige von ihnen schon gut im Geschäft sind und ne wunderbare Infrastruktur haben und sich ne  Rechtsabteilung und drei  Marketingcrews gönnen können, und überhaupt über mehr Ressourcen in Form von Geld oder Macht verfügen, hätten Sie, tja, leider, leider eh das Nachsehen, da heutzutage Schnelligkeit gefragt ist, wenn man(n) am Markt Erfolg haben will, denn grad trifft der Spruch von Gorbi: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ immer mehr zu.

Frage:   Warum lasse ich Sie sich die 2 Szenen vorstellen?

Antwort: Weil sie etwas mit dem Umgang von geistigem Eigentum zu tun haben.

Was meint das,  Eigentum?  Grob kann man Privat-Eigentum unterteilen in:

  • materielle Güter – z.B. Haus, Auto, Laptop, Hardware sozusagen.
  • geistige Güter

Mir geht’s in erster Linie um das geistige Eigentum. Eine Definition hierzu fand ich u.a.hier : http://www.geistiges-eigentum.eu/definition_geistiges_eigentum.php

„Geistiges Eigentum ( …) bezieht sich auf Schöpfungen des Geistes: Erfindungen, Literatur, Kunstschaffen und Symbole, Namen, Bilder und Designs, die man im Handel nutzt.  Geistiges Eigentum teilt sich in zwei Kategorien:

  • Industrielles Eigentum, das Erfindungen (Patente), Markenzeichen, Produktgestaltungen und geographische Kennzeichnungen umfasst;
  • Copyright (Urheberrecht), das literarische und künstlerische Werke, wie Romane, Gedichte, Theaterstücke, Filme, musikalische Werke, künstlerische Werke, wie Zeichnungen, Gemälde, Photographien und Skulpturen und architektonische Gestaltung umfasst.3

Was heißt das für Sie:

Ihr Buch, Ihre Entwicklung, Ihre Entdeckung, Ihre Idee, Ihre neue Methode, sie alle würden erst mal unter das Urheberrecht fallen, sobald sie irgendwo gedruckt – als Zeitschriftenartikel, Buch, Bild –  oder sonst wie in Öffentlichkeit erschienen wären. (..wenn ICH das richtig verstanden habe. Sonst: Experten meldet Euch und klärt mich und die hier Leseenden auf ).

In diesem Fall müssten andere Sie zitieren, sofern sie Ihre Ideen, Formulierungen Slogans, Designs, Musik etc. eins zu eins übernehmen würden. Soweit,  so gut.

Das ist alles wunderbar angedacht und geregelt. Leider funktioniert das aber  in Zeiten des World-wide-Web nicht mehr! In einer Zeit, wo Geschwindigkeit und permanente Anpassung an technische Errungenschaften den Erfolg diktieren, wo die Infoflut unübersehbar ist, ist quasi ein rechtsfreier Raum entstanden ,  wo niemand mehr den Überblick hat, wer wem was gehört.

Somit sind dem Klauen von geistigem Eigentum Tür und Tor geöffnet.

Wann spricht man eigentlich von Klauen oder Diebstahl?

Einen Diebstahl im Sinne des § 242 Strafgesetzbuch (StGB) begeht, wer einem anderen eine fremde bewegliche Sache in der Absicht wegnimmt, sie sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen.  – siehe auch: http://www.rechtswoerterbuch.de/recht/d/diebstahl/

Werden uns materielle Güter geklaut, merken wir das meistens sehr unmittelbar: Das Handy, das Navi, das Handtuch auf dem Liege oder der Parkplatz wird uns vor der Nase weggekaut. Wobei es in letzterem Fall schon fast wieder strittig ist, wem der Parkplatz ‚gehört‘: dem Stärkeren oder derjenigen, die ihn zuerst gesehen hat?

Das sieht bei geistigen Gütern schon anders aus, besonders, im World-Wide-Web. Die Grenze, dem anderen etwas wegzunehmen – merkt ja keiner, merkt nicht mal der oder die Betroffene- wird immer niedriger, zumal die Gefahr, erwischt zu werden – jetzt hat es mal zufällig Herrn zu Guttenberg erwischt – gen Null geht.

Es erfolgt eben keine soziale Kontrolle mehr. Dass Menschen unter sozialer Kontrolle sich ethisch-moralisch einwandfreier benehmen, als ohne ‚öffentliche Zuschauer‘, ist hinzulänglich untersucht und bewiesen worden. (Herr Kopp-Wichmann, geschätzter Kollege, hätte jetzt sicher nen Superlink parat. Wenn dem so ist, werter Kollege, dann fügen Sie ihn gerne in den Kommentar ein! )

Was ist das Fatale am Klauen von Geistigem Eigentum?

Antwort: Es ist für viele EXISTENZ-BEDROHEND.

Denn, eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten, wie wir mit Wissen, Ideen, Entdeckungen, Kunst, Musik… umgehen können:

1. Jemand sponsort selbiges: der Staat, eine Stiftung, ein Stipendium, ein reicher Mäzen oder Förderer – oder ich selbst bin eh schon reich geboren, sprich, ich muss mir um meinen Lebensunterhalt keine Gedanken machen.

2. Ich muss mein Wissen vermarkten/verkaufen, weil es damit verknüpft ist, Einkommen zu erwirtschaften und ich sonst kein anderes Einkommen habe.

Wobei wir bei der Frage wären:

Wer bezahlt mein Wissen, meine poetischen, literarischen, musikalischen, technischen, künstlerischen Ideen, wenn ich keinen reichen Sponsor habe, sondern davon leben muss?

Und dann kriegt das Ganze plötzlich etwas sehr Existenzielles. Und, glauben Sie mir, ich kenne jede Menge genialer Klein- und Kleinstunternehmen, die wirklich wun-der-ba-re Ideen haben. Z.B. eine Firma in der Region, die 10 Mitarbeiter zählte und für die Schiffsindustrie tätig war. Sie hatten eine wirklich innovative, neue Idee, waren gut am Markt – bis sie nach 3 Jahren schließen mussten, da jemand mit mehr Geld und Ressourcen ihre Ideen – mit nem Hauch Veränderung – auf den Markt brachte -und weg waren sie. ALLE!

Vielleicht rührt auch daher meine Wut: Dass die Großen und Mächtigen – um z.B. im Buchhandel zu bleiben, in dem ich ein paar Jahre tätig war – wie eine bekannte Buchhaltungskette das Geld und die Einflussmacht haben, die Kleinen zu verdrängen. Dass ein schwedisches Möbelhaus haufenweise Design kopiert und abändert und das Geld und die Macht hat, ‚sowas‘ billig anzubieten – 100 x billiger als der Handwerksbetrieb nebenan, der es sich nicht leisten kann, GRATIS noch 3 Stühle draufzulegen.

Ich könnte hier noch eine unendliche Liste fortführen.

Stellt sich die Frage: Was wollen wir? Was wollen SIE?

Alles umsonst? Alles billig? Alles gratis? – auch wenn es auf Kosten anderer geht?

Andererseits: Möchten SIE sich beklauen lassen – damit andere, die größer, mächtiger, schneller, ressourcenvoller, geldkräftiger sind als SIE sich mit IHREN Ideen und IHREM Wissen  dumm und dusselig verdienen?

Oder –  wenn es um nicht direkt um Geld geht –  sich mit IHRER Kunst, IHRER Musik, IHREM Wissen schmücken?

Ich jedenfalls kann alle Künstler, Neudenker, Vordenker, Ideenreiche, Artikelverfasser, Methodenentwickler verstehen, die NICHT damit einverstanden sind, dass andere IHR WISSEN einfach so abkupfern, während sie mit Existenzängsten zu kämpfen haben.

Ich wünsche mir immer noch, dass es möglich sein muss, wirklich wert-schätzend und fair miteinander umzugehen – auch in der Geschäftswelt; auch – irgendwann – im World-Wide-Web.

„Du bist ne echte Traumtänzerin! So is business nich! So is Realität nich!“ – Kommentar eines Freundes. Nundenn: „Der einzig wahre Realist ist der Visionär.“ Federico Fellini – oder deren weibliche Form.

In diesem Sinne: Allen Realisten eine visionäre Woche.




8 Kommentare zum Beitrag

  1. Michael K sagt:

    Er musste keine Dissertation schreiben. Er hat eine geschrieben die offenbar zusammengeklaut ist. Deutlicher kann man nicht sagen, dass es hier nur um den Titel an sich ging. Ein Türöffner quasi, der Kompetenz vortäuscht. Aus meiner Sicht ist das bereits Betrug und nicht einfach nur mangelne Redlichkeit. So einen Minister muss man aus einer Kanone exmatrikulieren und aus allen Ämtern werfen.
    Allein die Signalwirkung an die Studentenschaft wäre unbezahlbar.

  2. J. E. K. sagt:

    Das Web hat den Nachteil der relativen Anonymität. Jeder kann sich weltweit an allem bedienen. Es ist kein rechtsfreier Raum aber wo kein Käger da keine Angeklagten, wie im echten Leben eben.

    Im Internet hat man es mit weltweiten Rechtssystemen und diversen Copyrights zu tun. Wie soll da noch jemand durchsteigen? Ich fände es besser man würde Internetseiten kennzeichnen Copyright ja (was mit entsprechenden Scipts auch nervig dem Anwender bei Paste + Copy unter die Nase gerieben werden kann) oder Copyriht nein. Wer sich für zweiteres entschieden hat kann danach nicht mehr umschwenken. Basta. Viele Leute haben außerdem gar nichts gegen die Verwendung ihrer Bilder, Texte und Ideen. Das ist deren Geschäfts- oder Lebenskonzept.

    Ich habe einmal versucht den Urheber eines Fotos im Internet ausfindig zu machen. Nach zahllosen Versuchen ins Leere habe ich es aufgegeben. Hier kollidieren einfach der Anonymitätswunsch und das Copyright. Überall heißt es man solle ja im Netz seine Daten geheim halten. Das ist allerdings ziemlich kontraproduktiv wenn jemand gerne ein Bild aus einer Webseite verwenden will aber der Urheber sonst keine „Spuren“ hinterläßt. Was soll man in so einem Fall tun? Läuft wohl auf Pech gehabt raus, für den Urheber oder den der etwas gerne verwenden würde.

  3. Kerstin B sagt:

    Liebe Maria,

    toll dass Du dieses Thema endlich thematisierst-eloquent wie immer. Ja es hat schon was mit dem geistigen Eigentum, es wird ganz anders geandet als der Diebstahl materieller Sachen. Wie so schön heute ein Politiker sagte: Wenn Karl-Theoder zu Guttenberg Ladendiebstahl begangen hätte, hätte er dann auch so ungezwungen argumentieren können: „Entschuldigung, ich hatte nur schlampig eingekauft.“ Bei geisitigem Eigentum sind wir dann anscheinend wesentlich bereitwiliiger, hinzunehmen oder zu entschuldigen.

  4. Maria Ast Maria Ast sagt:

    @Michael K.
    Ihre Sichtweise hat sich bei anderen nun wohl auch durchgesetzt, dass es mehr ist, als nur mal so ein „Ach, das ist doch peanuts, was ich da gemacht habe“.

    Er hat gelogen. Ja. Vielleicht hat er betrogen, ja.
    Er soll und muss sich dafür verantworten, ja. Das sind Sachverhalte, die es nicht zu leugnen gilt und für die er sich verantworten muss – auch öffentlich, denn er ist eine öffentliche Person und wollte es immer gerne sein.
    Was mir aber gegen den STrich geht, ist dieses Häme, die in Debatten, Zeitungen, Medien häufig damit einhergeht.
    DAS zeigt dann wiederum, wes Geistes (oder Intellekts)Kind die anderen sind.
    Da möchte ich dann schon fast wieder Partei für ihn ergreifen und sagen: Der glaubt, er sei ganz ohne Schuld/Fehler/Fehl, der werfe den ersten oder dicksten (Medien)Stein auf ihn.
    Danke für Ihren Kommentar!

    , es hat auch die Signalwirkung auf andere, die sich ähnlich bequem

  5. Maria Ast Maria Ast sagt:

    @J.E.K.

    Die Erfahrungen, die Sie schildern, kenne ich auch zu gut: Da möchte mann/frau wirklich den Urheber nennen -und find dann nix. Da bleibt dann immer so ein komisches Gefühl bei mir zurück: ohoh, hoffentlich kommt da nichts nach.
    Das mit Ihrem entweder Copyright Ja oder Copyright Nein habe ich noch nicht ganz verstanden, sorry. Meinen Sie jeder müsste rechtlich gezwungen werden, sich einmal zu entscheiden und entweder Ja oder Nein jeweils unter seine Internetinhalte setzen? Wär ja man wert, drüber nachzudenken, denn dann MÜSSTE sich jeder Gedanken dazu machen.

    Danke für Kommentar und Anregung, wie wir noch anders mit dem Copyright umgehen könnten.

  6. Maria Ast Maria Ast sagt:

    @Kerstin
    Hallo, liebe Kerstin,
    das ist ja mal nett, auf diesem Wege hier von Dir zu hören bzw. zu lesen.
    Jau, das Thema beschäftigt und begleitet mich, wie Du weißt, ja schon lange. Und, es ist schon megakomplex, weshhalb ich mich auch lange nicht rangewagt habe.
    Es berührt eben viele Ebenen. Einige habe ich ja schon genannt: Aufmerksamkeit, die ich NICHT walten lassen, einhergehend mit mangelnder Wertschätzung des anderen.

    Existenzängste, die daraus resultieren, wenn alles immer für alle frei wäre. Irgendwer muss Wissen auch bezahlen.

    Ich bin noch dabei herauszufiltern, wie Wissen aufgeteilt werden könnte. Es gibt eben nicht nur DAS Wissen und DEN Umgang mit Wissen. Es gibt eben Wissen, welches UNBEDINGT allen zugänglich gemacht werden muss/sollte. Und es gibt vielleicht ein Wissen, das auch nicht in jedermanns Hand gehört. Nur, wer will da der Richter/Beurteiler sein?
    Da liegt also noch was ungar in der Schublade zu diesem Thema. Kömmt, wenn ich’s in meinem Kopf klar hab.

    Liebe Grüße und Danke für Deinen Beitrag hier auf dieser Plattform.

  7. J. E. K. sagt:

    „….rechtlich gezwungen werden sich einmal zu entscheiden…“ Ja genau so meinte ich das. Prinzipiell muss man derzeit meines Wissens davon ausgehen, dass alles unter Copyright steht was im Netz ist. Andersrum fände ich das viel logischer: Wenn jemand ausdrücklich seine Sachen mit Copyright versieht, DANN greift die volle Härte des Gesetzes wenn das jemand mißachtet.

    Ich finde es ziemlich blödsinnig wenn man verklagt werden kann weil man sich ein Bild bspw. von einem Sonnenblumenfeld runterlädt um das wie ich zum hobbymäßigen Basteln (und gelegentlichem eBay-Verkauf) von Grußkarten zu verwenden. Sonnenblumenfeld-Bilder gibt es zig-tausende im Netz. Wo ist da was wirklich logisch nachvollziehbar schützenswertes an dem Bild?

  8. J. E. K. sagt:

    Bei eindeutigen schützenswerten Inhalten kann ich Bestrafung nachvollziehen und finde das auch absolut richtig und fair. Wenn jemand Texte eines Autors 1:1 klaut und sie als die scheinbar eigenen weiterverbreitet oder sogar verkauft dann ist das wahrlich keine angemessene Verhaltensweise.

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